Postmoderne Gesellschaft

>Hier< zu einem Buch: "Die Erlebnisgesellschaft (2005) - Kultursoziologie der Gegenwart"

 

Individualisierung

muß nach Ulrich Beck (>hier<)  "als Anfang eines neuen Modus der Vergesellschaftung gedacht werden, als eine Art Gestaltwandel oder kategorialer Wandel im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft." Sehr klar und präzise beschreibt (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2007 die Individualisierung als einen "aus der Soziologie stammenden Begriff, der auf den für die Auflösung von Industriegesellschaften charakteristischen Prozess hinweist, dass jeder Einzelne sein Leben, seine Biographie und seine sozialen Netzwerke selbst gestaltet und danach trachtet, sich eher von seinen Eltern zu emanzipieren, als ihnen nachzufolgen. Dadurch entstehen eigentümliche Chancen, aber auch neue Risiken.

In der Psychologie geht die Verwendung des Ausdrucks manchmal mit einem Verzicht auf eine soziale Analyse und mit einseitiger Orientierung an individuellen Faktoren einher (wenn z. B. bei der Erklärung, weshalb jemand arbeitslos geworden ist, nur auf seine Persönlichkeitsmerkmale geachtet wird, ohne die Tatsache einzubeziehen, dass er in einem Betrieb tätig war, der nicht konkurrenzfähig produzierte)."
 

Folgende Texte stark angelehnt an Wikipedia - der Internet Enzyklopädie (de.wikipedia.org) vom 1.2.2008:


 

Erlebnisgesellschaft“ ist ein teils journalistisch-populärsoziologisch, teils wissenschaftlich-soziologisch gebrauchter Begriff, der eine auf Eudämonismus (Glückseligkeit als oberstes Lebensziel) und auf Genuss ausgerichtete gegenwartsorientierte (geduldfeindliche) Konsumgesellschaft bezeichnet, die besonders von hedonistischen Werten gekennzeichnet ist und zunehmend auf sog. Tugenden wie Solidarität, Anstrengung, Geduld und Askese verzichtet. Die Erlebnisgesellschaft muss aber nicht in Widerspruch zu den Sekundärtugenden stehen, auch sie ist von Ordnung geprägt. Teilweise kommen hier im experimentellen Sinne postmaterialistische (d.h. nicht materielle) Werte zum Tragen, die generell aber nicht auf die Überwindung der Konsumgesellschaft zielen, sondern die individualistische Ausgestaltung des eigenen Lebensstils - auch mit den Mitteln des Konsums - intendieren. "Erlebe Dein Leben" wird zum alles bestimmenden Handlungsimperativ.

 

Der Prozess der Individualisierung wird von manchen Autoren in zwei Phasen unterteilt: Die erste wird gesehen im Individualisierungsprozess, der mit der Herausbildung einer modernen bürgerlichen Gesellschaft zu Zeiten der Industrialisierung beginnt, seine philosophisch-kulturgeschichtliche Grundlage jedoch schon in der Aufklärung hat. Dieser Prozess, bei dem eine erweiterte Arbeitsteilung gleichzeitig mit einer Schwächung sozialer Bande einhergeht, wird unter anderem von Georg Simmel und Emile Durkheim* beschrieben. Dies zeigte sich in der Zunahme von ökonomisch und utilitaristisch (Nützlichkeitsprinzip) geprägten Beziehungen einerseits und dem damit einhergehenden Rückzug der Großfamilie und dem Zerfall der dörflichen Gemeinschaften. Dem Zerfall traditioneller Bindungen steht eine zunehmende Selbstbestimmung des Individuums gegenüber: Autobiographien werden vermehrt geschrieben, das Konzept der romantischen Liebe entwickelt sich, die Beziehung zu Gott wird im Protestantismus personalisiert.

 

Viele Soziologen beschreiben einen zweiten, den ersten überlagernden und modifizierenden Individualisierungsprozess seit Ende der 1950er Jahre. Nach Anthony Giddens und Ulrich Beck entwickelt sich in der gegenwärtigen postmodernen Gesellschaft eine qualitativ neue Radikalisierung und Universalisierung dieses Prozesses. Alte gesellschaftliche Zuordnungen wie Stand und Klasse würden obsolet, zunehmender Zwang zur reflexiven Lebensführung gehe mit einer Steigerung der Bildung einher, die Pluralisierung von Lebensstilen nehme weiter zu, Identitäts- und Sinnfindung werde zur individuellen Leistung. Dies werde durch eine Veränderung des staatlichen und ökonomischen Rahmens weiter gefördert. Ulrich Beck war auch derjenige, der dieses Schlagwort 1983 für die Beschreibung der heutigen sozialen Lebensbedingungen prägte.

 

*  Emile Durkheim, französischer Soziologe, Paris 15.11. 1917; war seit 1902 Professor unter anderen an der Sorbonne. Er deutete die Gesellschaft als vom »Kollektivbewußtsein« bestimmt, das, obgleich von den Individuen erzeugt, auf diese einen überindividuellen sozialen Zwang durch seine normativen Verpflichtungen und Sanktionen ausübe (Gruppenmoral).
 


 

Neben der Individualisierungsthese beschreibt auch die kultursoziologische Theorie von der Erlebnisgesellschaft von Gerhard Schulze veränderte Lebensgewohnheiten und -ziele der Menschen.

Norbert Elias macht im Rahmen seiner Zivilisierungstheorie auch Aussagen zur Individualisierung. Grundbegriffe sind dabei

  • der soziale Habitus (gleichbedeutend: die soziale Persönlichkeitsstruktur; und: gemeinsame Gefühls-, Denk- und Verhaltensgewohnheiten; oder: Gruppencharakter), also die psychischen Merkmale, die ein Mensch mit anderen Menschen einer sozialen Gruppe gemeinsam hat. Der soziale Habitus bildet den Boden, aus dem die Merkmale entstehen, die einen Menschen von anderen unterscheiden. Ein Beispiel ist die in einer Gesellschaft übliche Schrift bzw. Schreibweise, die ein Kind in der Schule erlernt, und die es zu einer individuellen Handschrift variiert.

  • die Wir-Ich-Identität: Wir-Identität bezeichnet die einer Gruppe gemeinsamen Merkmale, das Bild dieser gemeinsamen Merkmale ("Wir-Bild") und die mit dieser Gruppe verbundenen Gefühle (die unterschiedlich stark und durchaus zwiespältig sein können). Ich-Identität bezeichnet analog die individuellen Merkmale, das Bewusstsein bzw. Bild dieser Merkmale und die mit sich selbst verbundenen Gefühle.

  • die Wir-Ich-Balance: das Verhältnis von Wir- und Ich-Identität schwankt je nach Gesellschaftsstruktur, die Balance kann viele Nuancen aufweisen zwischen starker Betonung der Wir-Identität (d.h. insbesondere der Gruppenzugehörigkeit) und starker Betonung der Ich-Identität (d.h. der individuellen Einzigartigkeit und Unabhängigkeit).

  • die Überlebenseinheit: unsere Spezies lebt (wie viele andere) sozial, weil die Gruppenbildung angesichts der schwachen körperlichen Ausstattung einen entscheidenden Überlebensvorteil brachte: Schutz gegen Gefahren, Unterstützung bei der Nahrungsbeschaffung. Sie haben also die Aufgabe, die physische und soziale Sicherheit der Mitglieder zu garantieren. Überlebenseinheiten (Gesellschaften) haben allerdings auch gegenläufige Funktionen ("Vernichtungseinheiten"), weil sie im ständigen Konkurrenzkampf zwischen Gesellschaften das Leben ihrer Angehörigen gefährden.

  • die langfristige Entwicklung: Menschen sind genetisch nicht auf eine artspezifische Gesellschaftsform fixiert, sondern wandeln die Form des Zusammenlebens ständig. Aufgrund dieser hohen Flexibilität (und weiterer Faktoren wie dem Konkurrenzkampf zwischen Menschengruppen) kommt es zu einer ungeplanten, aber gerichteten Entwicklung unserer Gesellschaftsformen. Im Laufe dieser Entwicklung werden kleinere Gesellschaften (Integrationsebenen) von größeren unterworfen oder kleinere schließen sich unter äußerem Druck zu größeren Einheiten zusammen. Beispiele für mögliche Überlebenseinheiten sind Gruppen/ Familien, Sippen (weiterer Familienverband), Stämme, Wohnort (Dörfer/ Städte), Staaten, Staatenverbände und die Menschheit. Mit zunehmender Entwicklung werden die Gesellschaften in Integrationsschüben also größer und komplexer; regelmäßig kommt es aber auch zu Desintegrationsschüben, in denen Gesellschaften wieder zerfallen, oder zu unvollkommener Integration, bei der sich kleinere Einheiten innerhalb des größeren Verbandes erhebliche Selbständigkeit bewahren. Langfristig entstehen dennoch immer komplexere Gesellschaften mit vielen Teilebenen, die sich die Aufgaben für das Überleben der Einzelnen teilen.

Die Erklärung für den Individualisierungsprozeß sieht Elias darin, daß im Verlauf von Integrationsschüben kleinere Einheiten Überlebensfunktionen an die größeren Integrationsebenen abgeben müssen. Während im Mittelalter das Schwergewicht noch auf der Wir-Identität lag, sind seit der Renaissance mit dem Aufkommen der großen Flächenstaaten und der dadurch beginnenden größeren sozialen Mobilität (zunächst für wandernde Gelehrte, die in Städten und Fürstenhöfen Beamtenfunktionen übernahmen: die Humanisten) Individualisierungsprozesse zu beobachten. Diese schlugen sich beispielsweise in der Aufwertung des Individuums in der Portraitmalerei Dürers nieder oder später in der individualistischen Philosophie seit Descartes. Dies erreicht zunächst nur kleinere Bevölkerungsgruppen, seit dem 19. Jahrhundert haben jedoch die westeuropäischen Industriestaaten mit dem Ausbau des Gewaltmonopols und der Sozialsysteme wesentliche Aufgaben bei der Garantie der physischen und sozialen Sicherheit ihrer Mitglieder übernommen; sie beziehen sich auf diese als einzelne und nicht als Mitglieder von z.B. Familien oder Dörfern. Dadurch verlieren die Führungsgruppen der vorstaatlichen Einheiten an Macht über ihre Mitglieder. Die einzelnen Menschen erhalten so allmählich größere Entscheidungsspielräume und können sich zunehmend leichter von den vorstaatlichen Einheiten lösen, ohne Einbußen an physischer und sozialer Sicherheit befürchten zu müssen. Dies verlagert die Wir-Ich-Balance zugunsten der Ich-Identität. Die einzelnen Menschen erhalten nicht nur größere Entscheidungsspielräume, sondern sind auch einem Zwang zur Entscheidung ausgesetzt. Eine der Folgen ist die Zunahme nicht-dauerhafter Beziehungen und der Zwang zur Beziehungsprüfung: Private Beziehungen, Berufsbeziehungen und in Grenzen auch Staatsangehörigkeiten werden auswechselbarer. Während Menschen früher häufig lebenslang an eine bestimmte soziale Einheit (z.B. Familie) gebunden waren, können sie immer häufiger über ihre Beziehungen selbst entscheiden - und müssen dies deshalb auch. Der soziale Habitus verändert sich vom Schwerpunkt auf Fremdregulierung zum Schwerpunkt auf Selbstregulierung.

Die Gesellschaften auf dem Globus stehen auf ganz unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Manche erleben aktuell die konfliktreiche Integration von Wildbeutergruppen und Stämmen in die Ebene der (zunächst oft schwachen) Staaten, andere befinden sich bereits bei der Integration zu kontinentalen Staatenverbänden. Zwischen Gesellschaften auf unterschiedlichen Stufen kommt es zu typischen Mißverständnissen und Konflikten, da sie sich gegenseitig in ethnozentrischer Weise bewerten. Alle werden durch die ungeplante Entwicklung in die letzte Integrationsebene, die Menschheit, gedrängt, die bereits jetzt die entscheidende Ebene für das Überleben der einzelnen Menschen darstellt (auch wenn dies den meisten Menschen nur langsam bewusst wird), deren Organisationsstrukturen sich jedoch erst in schwachen Frühformen andeuten, deren Ausarbeitung lange Zeit in Anspruch nehmen wird und die auch in einem Desintegrationsschub wieder zerstört werden können. Falls sich der bisherige Trend jedoch fortsetzt, ist eine weitere Individualisierung zu erwarten, d.h. ein weiterer Machtgewinn der einzelnen Menschen gegenüber ihren Überlebenseinheiten. Elias' Fazit: Integrationsschübe sind immer auch Individualisierungsschübe.


 

Ulrich Beck (* 15. Mai 1944 in Stolp in Hinterpommern) ist ein deutscher  und momentan Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der London School of Economics and Political Science.

In seinen Arbeiten befasst er sich unter anderem mit den Themen Globalisierung und gesellschaftlichem Wandel und den damit verbundenen Folgen für die Menschheit, zum Beispiel Individualisierung oder soziale Ungleichheit.

Beck plädiert dafür, neue Prioritäten zu setzen. Vollbeschäftigung sei angesichts der Automatisierung nicht mehr erreichbar, nationale Lösungen seien unrealistisch, "neoliberale Medizin" wirke nicht. Stattdessen müsste der Staat ein Grundeinkommen garantieren und dadurch mehr zivilgesellschaftliche Arbeit ermöglichen. Eine solche Lösung sei nur realisierbar, wenn auf europäischer Ebene bzw. optimalerweise auf diversen transnationalen Ebenen einheitliche wirtschaftliche und soziale Standards gelten würden. Nur so sei es möglich, die transnational agierenden Unternehmen zu kontrollieren. Zur Eindämmung der Macht transnationaler Konzerne (TNKs) plädiert er daher für die Errichtung Transnationaler Staaten als Gegenpol.
Die Welt sei eine Weltrisikogesellschaft geworden. Ein Aspekt, der dieses verdeutlicht, ist das kosmopolite Bewusstsein der gemeinsamen Bedrohung durch den Terrorismus.
Ferner ist er der Ansicht, dass ohne den Auf- und Ausbau internationalen Rechts und rechtsprechender Instanzen die Beilegung transnationaler Konflikte mit friedlichen Mitteln ausgeschlossen sei, was er als Rechtspazifismus tituliert.

In seinen Schriften gelingt es Beck wiederholt, für gesellschaftliche Sachverhalte und Entwicklungen eingängige Kurzformeln zu entwickeln. So prägte er zahlreiche Begriffe, die nahezu alle Schlagwortcharakter haben. Darunter fallen: Risikogesellschaft, Fahrstuhleffekt und soziologischer Kosmopolitismus, Individualisierung, Deinstutionalisierung, Enttraditionalisierung, Pluralisierung sowie im Bezug auf die Globalisierung die Begriffe Zweite Moderne, Globalismus, Globalität, Brasilianisierung sowie Transnationalstaat

 

Der Begriff Zweite Moderne wurde nach dem angeblichen Zusammenbruch einer sogenannten alten Ordnung der Ersten Moderne von Heinrich Klotz Anfang der neunziger Jahre für die Kunst und Architektur der Gegenwart geprägt.
Der Begriff wird gegenwärtig vom deutschen Soziologen Ulrich Beck für seine Thesen einer im Zuge der Globalisierung sich sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich-politisch veränderten Welt verwendet.

Erste Moderne

Die (Erste) Moderne gilt als die Zeit ab der Aufklärung, zumal der Industrialisierung und der mit ihr voranschreitenden Bürokratisierung. Sie begann mit dem 18. Jahrhundert, und während dieser Zeit bildete sich die bürgerliche Gesellschaft sowie der Nationalstaat heraus. Sie wurde von Soziologen wie Max Weber (Wirtschaft und Gesellschaft, 1922) und Ferdinand Tönnies (Geist der Neuzeit, 1935) klassisch beschrieben.

Zweite Moderne

Die Theorie der Zweiten Moderne besagt, dass es eine Radikalisierung der Prinzipien der Moderne gäbe - worunter u.a. Autonomie des Individuums, Rationalisierung und Fordismus (Ziel der technischen, wirtschaftlichen und sozialpolitischen Grundsätze von Henry Ford war, durch Massenfertigung, d.h. Arbeitsteilung, Rationalisierung durch Fließbandarbeit, möglichst gute Erzeugnisse zu möglichst niedrigen Preisen zu produzieren) fallen. Die Zweite Moderne, die mit Mitte/Ende des 20. Jahrhunderts beginnt, umfasse den Prozess der nunmehr fast allgegenwärtigen Globalisierung mit prekären Arbeitsverhältnissen sowie die Herausbildung einer Weltgesellschaft. Die zweite Moderne kann man als kulturelle Reaktion auf die Digitale Revolution betrachten.

Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen Erster und Zweiter Moderne sei die Unrevidierbarkeit der entstandenen „Globalität“. Die oben genannten neuen Prinzipien, die unter anderem Phänomene der Globalisierung seien, gerieten zunehmend in Konflikt mit den Institutionen der Ersten Moderne, z.B. mit dem Nationalstaat. Im Zuge dieser Entwicklung erhalten demnach die transnationalen Konzerne zunehmend Macht, wohingegen die Macht der Nationalstaaten in Relation dazu immer weiter abnehme, der Nationalstaat also an Souveränität verliert. Dies bringe eine Zunahme von Problemen mit sich, die heute fast überall zu beobachten seien.
 

Als Beispiele hierfür werden die Konflikte zwischen realen und virtuellen Steuerzahlern, die Reduktion des Sozialstaates gekoppelt mit der Zunahme der sozialen Ungleichheit und die Abnahme der sozialen Integration genannt.
Die Kernfrage der Zweiten Moderne ist die Suche nach Lösungen für die entstehenden Herausforderungen durch Globalisierung, Flexibilisierung, zunehmende Arbeitslosigkeit, Umweltbelastung sowie die Erosion funktionierender politischer, sozialer und kultureller Systeme.

Die genaue Definition der Zweiten Moderne ist noch unscharf und befindet sich in der Entwicklung, da es ein gegenwärtiger und noch relativ neuer Prozess ist, der weiterer Studien bedarf. Ulrich Beck will mit seinen Ausführungen den Blick für das Neue und die damit verbundenen Probleme schärfen. Das Neue, das sich in der westlichen, kapitalistischen Gesellschaft abzeichnet, wird von mehreren weiteren Soziologen beschrieben – z.B. von Daniel Bell und Anthony Giddens. Charakteristische Begriffe sind beispielsweise der von Jürgen Habermas geprägte Begriff der neuen Unübersichtlichkeit, der von Ulrich Beck verwendetete Terminus Risikogesellschaft und der Ausdruck flexibler Mensch, der von Richard Sennett stammt.

Ulrich Beck und die Autoren der Edition Zweite Moderne haben die Hoffnung, dass es den Menschen gelingen wird, ihre Zukunft vernünftig zu gestalten, indem - auf der Grundlage einer Analyse der gegenwärtigen (globalen) Probleme - Verbesserungsansätze entwickelt werden.

Der Terminus „Zweite Moderne“ konnte sich bisher in den Sozialwissenschaften nicht durchsetzen. Die darin gefassten Phänomene werden jedoch, wie oben geschildert, von vielen Soziologen ähnlich charakterisiert. Andere und zahlreiche Ökonomen betrachten die Auswirkungen der Globalisierung positiver.

 

* Brasilianisierung des Westens ist eine vom deutschen Soziologen Ulrich Beck Ende der 1990er Jahre in die soziologische Debatte eingeführte Kurzformel für den von ihm vermuteten sozialen Wandel Europas in Richtung einer zunehmenden sozialen Ungleichheit.

Der Begriff wurde auch durch Franz Josef Radermacher in der Forderung nach einer Änderung des politischen Systems in Richtung einer weltweiten ökosozialen Marktwirtschaft aufgegriffen.

Beck sieht als Folge der Globalisierung unter dem neoliberalen Paradigma eines vollständig freien Marktes Tendenzen zur Veränderung der Schichtung postindustrieller westlicher Gesellschaften in Richtung auf eine Angleichung der Arbeitskultur an die Standards der Entwicklungsländer und auf einen Zerfall der Bürgergesellschaft voraus. Seine Skizze sagt somit den europäischen Staaten einen Entwicklungsrückgang voraus, der sich - seit den 1920er Jahren vorweg genommen - im (zu Europa relativen) Abstieg etlicher lateinamerikanischer Staaten bereis durchgesetzt hat, charakterisiert durch eine Zerrüttung der Mittelschichten, eine Öffnung der Einkommensschere und durch Armutsszenarien, die bislang nur aus Ländern der Dritten Welt bekannt waren. Brasilien, aber auch Chile, Argentinien, Uruguay oder Costa Rica könnten hier genannt werden.

Allerdings ist die Brasilianisierungsthese zwar erhärtbar, jedoch nicht falsifizierbar.

Das bedingungslose Grundeinkommen stellt ein Einkommen für alle dar, das eine Grundlage zur Sicherung der Existenz und gesellschaftlichen Teilhabe darstellen soll, ohne dass eine sozialadministrative Bedürftigkeitsprüfung erfolgt und ohne dass eine Bereitschaft zur Arbeit gefordert wird.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist somit eine Form des Bürgergelds (Grundeinkommens). Eine andere Form ist die Negative Einkommensteuer. Die Negative Einkommensteuer kann genau wie das bedingungslose Grundeinkommen so gestaltet werden, dass die Bereitschaft zur Annahme einer angebotenen Arbeit nicht vorhanden sein muß. Das bedingungslose Grundeinkommen unterscheidet sich von einer staatlich organisierten Grundsicherung, die nur gezahlt wird, wenn kein anderes ausreichendes Einkommen zu Verfügung steht, und die mit einer Bedürftigkeitsprüfung verbunden ist.

Je nach Modell wird eine Zahlung in Höhe des Sozialhilfesatzes bzw. des Arbeitslosengeldes II bis hin zu einer Zahlung von 1.500 Euro pro Monat vorgeschlagen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen kann aber auch unterhalb des Existenzsicherungsniveaus liegen. Bedarfsgeprüfte Leistungen können dann auf diese Leistung aufstocken, um das Existenzminimum zu gewährleisten. Wer über mehr Geld als das Grundeinkommen verfügen möchte, könnte sich dies immer noch z. B. durch Erwerbsarbeit verdienen – es bestünde nur keine existenzielle Notwendigkeit mehr zur Erwerbsarbeit.

 

Fahrstuhleffekt und Individualisierung

Der Begriff des „Fahrstuhl-Effekts“ kann jedoch nur im Kontext der Beckschen Individualisierungstheorie verstanden werden. Die Pointe der Beckschen Argumentation ist nämlich, dass eben genau dadurch, dass die Klassengesellschaft „eine Etage höher gefahren wird“ ein Prozess der Individualisierung einsetzt, der die klassischen Ungleichheitsstrukturen in Frage stellt: Die Anhebung des allgemeinen Lebensstandards habe nämlich, auch wenn alle eben gleichviele Stockwerke höher gefahren werden, nicht für alle die selbe Bedeutung: Während dies für einige Bevölkerungsteile nämlich den erstmaligen Kontakt zu 'höherer Bildung" und Massenkonsumgütern wie Autos, Wohnungseigentum usw. ermöglicht, bedeutet für andere dieser Zuwachs nur ein 'Mehr desselben' - also Zweitwohnung, Zweitwagen etc.. Wohlstandsexplosion, zunehmende Mobilitätschancen auf einem sich differenzierenden Arbeitsmarkt und Bildungsexpansion führen, so die Becksche Individualisierungsthese, insgesamt zu einer Freisetzung aus traditionellen Bindungen. Die sozialstaatliche Absicherung, der wachsende allgemeine Wohlstand und zunehmende berufliche Differenzierungen untergraben Klassensolidaritäten. Die Expansion der Frauenerwerbsarbeit, sowie der Zugang von Frauen zu erweiterter Bildung und eigenem Geld irritiert die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. So entstehen neue und veränderte Ungleichheitslagen, die sich nicht mehr mit Klassen- oder Schichtmodellen beschreiben lassen.

Die komplexen Wirkungen der Individualisierung können und sollen hier nicht beschrieben werden. Es soll lediglich angedeutet werden, dass der Fahrstuhleffekt eben weder die Konstanz der sozialen Ungleichheiten in Form von Klassen und Schichten behauptet, noch das Verschwinden oder eine Abschwächung der gesellschaftlichen Ungleichheiten. Dass eine Fahrt mit dem Fahrstuhl durchaus auch zur Verschärfung von Ungleichheiten oder zumindest zu einer Verschärfung der Verteilungskämpfe führen kann, lässt sich exemplarisch auch an den Folgen der Bildungsexpansion zeigen. Diese führt nämlich zu der Paradoxie einer gleichzeitigen Auf- und Abwertung von Bildungsabschlüssen: Einerseits werden diese für den Einstieg in eine Berufslaufbahn immer wichtiger, andererseits werden diese auch durch das marktwirtschaftliche Prinzip von Angebot und Nachfrage dadurch zunehmend entwertet, dass immer mehr Menschen Zugang zu diesen haben. Bildung ist so immer mehr notwendige Voraussetzung, um überhaupt an der Verteilung von Arbeitsplätzen teilzunehmen, garantiert jedoch immer weniger dabei auch erfolgreich zu sein. Dies führt z.B. dazu, dass Bevölkerungsgruppen mit vergleichsweise niedrigen Abschlüssen (trotz eines Bildungszuwachses) dauerhaft vom gesellschaftlichen Wohlstand ausgeschlossen sind. (vgl. Geißler 1996, 257f; Beck 1986)


Gerhard Schulze:

Die Erlebnisgesellschaft (2005).
Kultursoziologie der Gegenwart
Frankfurt: Campus (2. Auflage, Originalausgabe 1992)

Was ist die Spaßgesellschaft?

 

Was mit dem Begriff "Spaßgesellschaft" bezeichnet wird, das ist von Autor zu Autor unterschiedlich. Dies spricht nicht für die Behauptung von Wolfgang SCHÄUBLE (Welt v. 12.09.2001), dass dies ein soziologischer Begriff geworden ist.


Ganz zu schweigen davon, dass innerhalb der Soziologie viele Gesellschaftsbegriffe um die Beschreibung unserer Wirklichkeit konkurrieren. Armin PONGS (>hier<) hat z.B. 24 gebräuchliche soziologische Gesellschaftsbegriffe in einem 2 Bände umfassenden Werk (In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?) aufgeführt. Die Spaßgesellschaft fehlt jedoch!


Nichtsdestotrotz
gibt es einen soziologischen Begriff, der dem nahe kommt, was in erster Linie damit gemeint ist. Es ist der Begriff "Erlebnisgesellschaft", der von dem Kultursoziologen Gerhard SCHULZE geprägt wurde. Sein Buch "Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart" ist 1992 erschienen und hat es bisher auf 8 Auflagen gebracht. Seitdem hat der Soziologe sein Konzept "Erlebnisgesellschaft" immer wieder den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen angepasst.


      
SCHULZE stützt sich mit seinem Gesellschaftsverständnis auf den Prozess der Individualisierung, der von dem Soziologen Ulrich BECK seit Ende der 80er Jahre popularisiert worden ist. Mit der Individualisierung werden Phänomene wie Vereinzelung oder Atomisierung des Sozialen in Verbindung gebracht. Hierfür hat sich auch das Schlagwort von der "Single-Gesellschaft" eingebürgert.


SCHULZE interessiert sich dagegen für die Entstehung neuer Milieus, die durch diesen Prozess hervorgebracht werden. Der Soziologe unterscheidet 5 verschiedene Erlebnismilieus, die sich in den 80er Jahren herausgebildet haben sollen:

 

1) Das Niveaumilieu entspricht am ehesten bildungsbürgerlichen Vorstellungen, wonach es eine strikte Trennung zwischen Hochkultur (E-Kultur) und seichter Unterhaltung (U-Kultur) geben sollte.

2) Das Harmoniemilieu kommt Vorstellungen vom Unterhaltungsbedürfnis der Arbeiterschicht nahe, das früher für Heimatfilme und Volksmusik stand.

3) Das Selbstverwirklichungsmilieu ist dagegen jenes Milieu, das in Medienberichten oftmals im Mittelpunkt des Interesses steht. Diesem Milieu werden Hedonismus und Narzißmus zugeschrieben.

4) Das Unterhaltungsmilieu ist an Spannung und Action interessiert (hier finden sich die Liebhaber von Computerspielen und Action-Videos wieder), während

5) das Integrationsmilieu alle Unterschiede zwischen U- und E-Kultur ignoriert und sich aller Stilemente der vorgenannten Milieus bemächtigt.
 

Die Mediendebatte um die Spaßgesellschaft

Gegenüber den Differenzierungen im Konzept "Erlebnisgesellschaft" von Gerhard SCHULZE fallen die Debatten in den Medien weit zurück. Die Debattenteilnehmer lassen sich jedoch unschwer jeweils den verschiedenen Erlebnismilieus zuordnen.
(Auszug aus: Das Ende der Spaßgesellschaft. Kulturkämpfe in der Popmoderne,2001)


Armin Pongs, Anfang 1968 in Mönchengladbach-Rheydt geboren, ist ein deutscher Schriftsteller, Studium der Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaft an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München, gründete 1997 den Dilemma-Verlag und veröffentlichte im selben Jahr die Musiker-Biografie „Von A bis Fischer - Z“.

  • Was können wir wissen? Was dürfen wir hoffen? Was sollen wir tun? - Der demografische Wandel und die Zukunft unserer Gesellschaft Band 1 und Band 2, Dilemma-Verlag, München, 2009
  • Krokofil 3 - Die Sprache der Lieder, Dilemma-Verlag, München, 2008 ([ein Märchen] / Armin Pongs. [Ill.: Martina Miškić] )
  • Krokofil 2 - Das Karussell der Farben, Dilemma-Verlag, München, 2008
  • Krokofil 1 - Der Traumländer, Dilemma-Verlag, München, 2007
  • Der Drachen ohne Schnur, Dilemma-Verlag, München, 2006 (Reiseerzählungen)
  • Die Welt in meinen Augen, Dilemma-Verlag, München, 2005 (Reiseerzählungen)
  • In welcher Welt wollen wir leben? - Band 1, Dilemma-Verlag, München, 2003 (Nationalstaat und Demokratie in Zeiten der Globalisierung)
  • In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? - Band 1 und Band 2, Dilemma-Verlag, München, 1999 bis 2007 (Auf dem Weg zu einem neuen Gesellschaftsvertrag)