Der Bibel Code

Computer haben aus der Bibel den Mord am israelischen Ministerpäsidenten Yitzhak Rabin herausgelesen.

Und für das Jahr 2006 prophezeien sie eine atomare Katastrophe. Enthält die Bibel tatsächlich Codierte

Botschaften? Was steckt dahinter? Sicher ist: In der Bibel stecken Erkenntnisse, die uns bisher verborgen

geblieben sind. Aber wir können sie entdecken - wenn wir das Buch der Bücher mit neuen Augen lesen

VON MANON BAUKHAGE

>Hier< direkt zum fatalen Spruch: Machet euch die Erde untertan...

 

Die Bibel ist der erfolgreichste Bestseller aller Zeiten. Kein anderes Buch ist so oft übersetzt worden - in alle Sprachen dieser Welt. Und keines wurde so oft gedruckt - seit 1815 rund 2,5 Milliarden Mal. Aber wer kennt dieses »Buch der Bücher« wirklich genau? Sein Personal, seine Geschich­ten, seine Botschaften?

 

Was die Bibel uns im Detail sagen will, darüber herrscht bis heute nicht in allen Punkten Einigkeit. Außerdem ver­mutete man hinter dem geschriebenen Wort schon immer auch verborgene Mitteilungen. Seit Jahrhunderten fahn­den Gelehrte und Mystiker mit diversen Methoden nach geheimen Botschaften in den überlieferten Schriften. Das lag schon deshalb nahe, weil die ersten Texte der Bibel in Hebräisch oder Griechisch geschrieben waren: Sprachen, in denen Buchstaben damals auch als Zahlensymbole ver­wendet wurden. Hatten Wörter bestimmte Zahlenwerte, so transportierten sie offensichtlich ein Geheimnis. Und wenn zwei Wörter die gleiche Quersumme hatten, dann musste zwischen ihnen eine bedeutungsvolle Verbindung bestehen. Diese Zahlenkunde (Gematrie) entwickelte sich zur hohen Kunst und wurde sowohl von Juden und Grie­chen, als auch von Christen bereits im ersten und zweiten Jahrhundert ernsthaft betrieben, um die Texte der Bibel zu erforschen. Dass die wahre Botschaft der Bibel hinter Zah­len versteckt ist, glaubte selbst noch der berühmte Natur­wissenschaftler Isaac Newton (1643 - 1727). Er verbrachte Jahrzehnte mit dem Studium der Zahlenmystik - und kam zu dem Ergebnis, das Jüngste Gericht würde im Jahr 2060 über uns kommen.

 

Doch die Bibel enthält nicht nur geheimnisvolle Zahlen, sondern auch verborgene Wörter mit Botschaften des Schöpfers. Davon jedenfalls sind die Anhänger der Kabba­la-Lehre, einer mittelalterlichen mystischen Tradition im Judentum, überzeugt. Die Kabbalisten suchen nach den ver­steckten Botschaften in der Thora - dem heiligsten Buch des jüdischen Glaubens, das aus den fünf Büchern Mose des Alten Testaments besteht (siehe Kasten). Die kabba­listischen Texte gelten bis heute als undurchsichtig und mysteriös - zugänglich nur für jene, die lange die Thora und ihre Kommentare, den Talmud, studiert haben. Der zentrale Gedanke: Gott hat den Schriften einen auf den ersten Blick nicht erkennbaren Symbolcharakter unterlegt - um jenen, die die Symbole zu deuten wissen, erhabene­re Wahrheiten zu enthüllen. Doch die kabbalistischen Methoden zur Dechiffrierung des tieferen Sinns sind kom­pliziert. Eine dieser Methoden besteht darin, in einem Text nur jene Buchstaben zu lesen, die in einem bestimmten Intervall auftauchen -z. B. jeden fünften Buchstaben. Weil die ausgewählten Lettern alle den gleichen Abstand von­einander haben, sprechen Experten hier von einer »äqui­distanten Buchstabenfolge«.

 

RICHTIGE PROGNOSE Die Zeitung »Yediot Ahronot« (r.) zeigte das Bild von der Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin am 4. November 1995 (linker Pfeil: Rabin; rechter Pfeil: Attentäter Yigal Amir). Dieses Ereignis hatte Drosnin zuvor aus der Bibel »decodiert« und den Politiker vergebens gewarnt. Oben: Auch der Angriff auf das World Trade Center in New York im Jahr 2001 soll nach Drosnin in der Bibel verschlüsselt sein.

 

 

Diese Methode verwandte bereits im 13. Jahrhundertder kabbalistische Rabbi Bachya Ben Asher aus Saragossa (Spa nien), als er im ersten Buch der Thora nach verborgenen Bot­schaften des Herrn suchte: Er begann mit dem ersten Buchsta­ben des 1. Buchs Mose (Genesis) und las in der Folge nur jeden 42. Buchstaben - so kam er auf das Kunstwort »Be-Ha-Ra-D«, dessen Buchstaben im Hebräischen ganz bestimmte Ziffern bedeuten. Zusammen bezeichnen sie den 6. Oktober 3761 v. Chr., 23.11 Uhr - für gläubige Juden der »Schöpfungsmoment« der Welt. Das Verblüffende dabei: Dieser »Null­punkt« des jüdischen Kalenders wur­de von Rabbinern im 11. Jahrhun­dert festgelegt - also lange nach den ersten Niederschriften der Thora, die bis ins 6. Jahrhundert v. Chr zu­rückreichen. Warum dies erst so spät geschah, bleibt eines der Geheimnis­se des Judentums.

 

Mit der gleichen Methode wie Rabbi Bachya Ben Asher vor 800 Jah­ren suchte in unseren Tagen der Journalist Michael Drosnin nach geheimen Botschaften in der Thora. Der amerikanische Jude, der nach eigener Aussage nicht an Gott glaubt, hatte dabei einen fleißigen Helfer: den Computer. Er setz­te das Prinzip der »äquidistanten Buchstabenfolge« in eine Soft­ware um, durchkämmte damit die heiligen Texte und veröffent­lichte seine Ergebnisse in zwei Mega-Bestsellern: »Der Bibel Code« (1998) - und »Bibel Code II. Der Countdown« (2002), in denen er uns mit der ungemütlichen Prophezeiung konfrontiert, dass der Weltuntergang 2006 stattfindet.

 

Auf die Idee, nach geheimen Botschaften des Herrn zu fahn­den, kam Drosnin durch einen Artikel in der Fachzeitschrift »Sta­tistical Science«. Dort beschrieb der israelisch-russische Mathe­matiker Eliyahu Rips von der Hebräischen Universität Jerusalem, der gläubiger Jude ist, wie er gemeinsam mit dem Physiker Doron Witztum und dem Computer­fachmann Joav Rosenberg mit den Buchstaben der Thora herumjongliert hatte. Sie speisten den hebräischen Text der Thora in den Computer ein, nahmen die Wort­zwischenräume und Satzzeichen heraus und durchfors­teten die verbleibenden 304 805 Zeichen mit der Metho­de der »äquidistanten Buchstabenfolge« nach verbor­genen Namen berühmter Rabbis - samt Geburts- und Sterbedaten. Sie wurden tatsächlich fündig - und konn­ten nicht mehr an Zufall glauben.

 

NEUGIERIG GEWORDEN, beginnt Drosnin in den 1990er Jahren, mit Rips' Computerprogramm in der Thora nach Hinweisen auf geschichtliche Ereignisse zu suchen. Zu seiner Verblüffung lassen sich so das Kennedy-Atten­tat 1963 und die erste Mondlandung 1969 aus der Bibel » herauslesen «. Und plötzlich ist er wie elektrisiert: Der Rechner spuckt in Intervallen von 4772 Buchstaben den Namen »Yitzhak Rabin« aus - der israelische Ministerpräsident. Jetzt ordnet Drosnin den Thora-Text in Zeilen von je 4772 Buchstaben an: Rahms Name ist dadurch vertikal zu lesen - und kreuzt sich mit einem hori­zontalen Text aus dem 5. Buch Mose (4,42), den Drosnin mit » Mörder, der morden wird« übersetzt. Drosnin schließt aus seiner Entdeckung: Yitzhak Rabin wird ermordet wer­den. Der Journalist warnt den Politi­ker - vergebens. Zwölf Monate spä­ter, am 4. November 1995, wird der Ministerpräsident erschossen.

 

Drosnin sucht weiter in der Thora und stößt auf immer neue Botschaf­ten. Im » Bibel Code II« präsentierter unter anderem Hinweise auf den Ter­rorschlag gegen das World Trade Cen­ter 2001. Auch die Namen »Bush«, »Arafat« und »Scharon« seien zu fin­den. »Sie sind gemeinsam namentlich in der Bibel codiert, und dies mit der von den drei großen Welt­religionen vorausgesagten Zeit der Gefahr - dem >Ende der Tage«<, schreibt Drosnin. »Der Bibel-Code verweist klar auf die Gefahr - 'atomarer Holocaust' und 'Weltkrieg« finden sich verschlüsselt in der Bibel, mit derselben Zeitangabe, dem Jahr 2006

 

 »KABBALA-CODE« Zwei jüdische Studenten (o.) sind n das Studium der Thora (hebräisch: Gesetz) vertieft. Sie ist die heiligste Schrift der Juden und beinhaltet die fünf Bücher Mose, die auch Bestandteil der christlichen Bibel sind. Die Kabbalisten (jüdische Mystiker) vermuten seit Jahrhunderten verschlüsselte Botschaften darin und versuchen, diese mit komplizierten Methoden zu entschlüsseln. Vielen Kabbala-Anhängern heute (r.: Popsängerin Madonna) ist das zu mühselig: Sie glauben, die Codes der alten Texte würden sich jedem erschließen, der eine (teure) Thora-Ausgabe seines Kabbala-Gurus berührt.

 

 

Angesichts der Schwere des vorausgesagten Unheils muss sich Drosnin schon die Frage gefallen lassen, wie ver­lässlich seine Quelle ist. Der Autor sagt: »Ich ziehe meine Schlussfolgerungen aus der hebräischen Ori­ginalversion der Thora, die mit sämtlichen heute in der Originalsprache vorhandenen Bibeln Buchsta­be für Buchstabe identisch ist In jeder anderen Version, die auch nur um ein paar Buchstaben abweiche, sei der Code nicht mehr nachweisbar.

 

Der »Bibel-Code« basiert auf der Annahme, dass es eine

seit Jahrtausenden unverändert überlieferte UR-BIBEL gibt.

Aber das stimmt nicht.

 

WIR WISSEN HEUTE, dass die Thora-Schriften sowie die verschie­denen Teile des Alten Testaments nicht nur viele Autoren hatten, sondern auch eine lange Entstehungsgeschichte. Deren genaue Rekonstruktion beschäftigt die Wissenschaftler bis heute. Ein schwieriges Unterfangen: Jahrhundertelang wurden die Inhalte der heiligen Schriften der Juden mündlich überliefert, und vollstän­dige Handschriften aus der Entstehungszeit der Thora gibt es nicht, abgesehen von einem einzigen Satz auf einem silbernen Röllchen, der aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. stammt. Die ältesten Papy­rusfunde mit ausführlicheren Passagen sowie die Qumranfunde1) mit über 200 Bibelhandschriften werden auf das 3. bis 1. Jahr­hundert v. Chr. datiert. Und die ältesten vollständig erhaltenen hebräischen Handschriften der Thora bzw. der hebräischen Bibel sind alle viel jünger: Sie stammen erst aus dem Mittelalter. Ale­xander Schick, Publizist und Leiter der größten Qumran- und Bibel-Wanderausstellung: »Eine Ur-Thora in dem Sinne, dass alle Abschriften in der Orthografie übereinstimmen, gibt es nicht

 

1) Ruinenstätte einer klosterähnlichen Anlage am Nordwestufer des Toten Meeres (Westjordanland); seit Mitte des 19.ÿJahrhunderts bekannt, jedoch erst zwischen 1951 und 1956 systematisch ausgegraben. Qumran war seit 130 v.ÿChr. bis zu seiner Zerstörung im römisch-jüdischen Krieg (68 n.ÿChr.) von verschiedenen jüdischen Gruppen bewohnt. Zwischen 1947 und Mitte der 1960er-Jahre wurde in elf Höhlen in Qumran und Umgebung eine große Anzahl Schriftrollen entdeckt: wesentlich ältere als bis dahin bekannte Handschriften zu Büchern der hebräischen Bibel (u.ÿa. eine vollständige Jesajarolle) und Fragmente davon, Kommentare zu biblischen Texten und gemeindeinternes Schrifttum (Regelbuch, rituelle und zivilrechtliche Bestimmungen). Die Textfunde sind von großer Bedeutung für die Forschungen zur vorkanonischen Textgestalt der hebräischen Bibel und das philologische Studium der hebräischen Sprache und Literatur und geben Einblick in Leben und Lehre der Qumranleute, jüdischer Reformgruppen, die außerhalb der hellenistisch-römischen Stadtkultur lebten, um zu den Quellen jüdischen Lebens zurückzukehren.

 

 

Wie aber haben Bibel-Code-Forscher wie Drosnin das Quel­lenprobleln gelöst? Sie haben »eine sehr junge Textfassung ver­wendet: die Ausgabe der Hebräischen Bibel der Koren Publi­shing Cornpany in_ Jerusalem, die dem so genannten Textus Recep­tus entspricht, der Form der hebräischen Bibel, wie sie im 14./15. Jahrhundert in Handschriften kursierte«, erläutert Schick. Der Theologe Uwe Gleßmer hat nun in aufwändigen Untersuchun­gen Drosnins Codes überprüft und dabei die älteste komplette Handschrift der hebräischen Bibel zugrunde gelegt: den Codex Leningradensis von 1008 n. Chr Ergebnis: Der Buchstabencode für die Ermordung Rabins ist darin nicht zu finden.

Warum? Der Codex Leningradensis ist nicht exakt identisch mit dem Textus Receptus, den Drosnin auf seinem Rechner benutzte. Zum Beispiel weicht der »Codex« im 5. Buch Mose (Deuteronomium) durch 41 Buchstaben vom »'Textus« ab. Wie erklärt sich das? Im Hebräischen der Codex-Handschriften gab es keine Vokale, sondern nur zz Konsonanten, von denen vier auch als Hilfsvokale dienen konnten, wenn man einen bestimm­ten Buchstaben hinzufügte. Diese Hilfsvokale verändern zwar nicht den Sinn des Textes, wohl aber die Zahl der Buchstaben - und das bedeutet zwangsläufig, dass Drosnins Bibel-Code im Codex nicht auffindbar ist. Man kann das Problem im Deut­schen an einem Wort wie »Foto« bzw. »Photo« verdeutlichen: Der Sinn ist der gleiche, aber die Buchstabenanzahl ist unter­

schiedlich.

 

Ist damit der »Bibel-Code« vom Tisch? Die Fachwelt jeden­falls hat Drosnins These und seine Prophezeiungen mit wissen­schaftlichen Argumenten widerlegt und überschüttet ihn mit Spott. Auch hat sich der Mathematiker Rips inzwischen von Dros­nin distanziert. Er erklärte, er habe nicht mit ihm zusammenge­arbeitet, stütze seine Schlussfolgerungen nicht und halte alle Ver­suche für zwecklos, aus der Bibel Prophezeiungen herauszulesen.

 

Dennoch kommen Drosnins Code-Spielereien bei Millionen Lesern glänzend an. Die Vorstellung, dass die Bibel einen »Ge­heim-Schlüssel« birgt, spiegelt die Sehnsucht vieler Menschen nach einer Orientierung wider, die von den Kirchen offenbar nicht mehrvermittelt wird. Auch Superstars wie Madonna, Demi Moore, Mick Jagger, Britney Spears und David Beckham beken­nen sich zur jüdischen Kabbala und glauben, in der Thora seien alle Prinzipien des Universums überliefert. Wer ihren geheimen Code verstehe, halte deshalb den Schlüssel zum Glück in der Hand. »Ich habe alles, was man mit Geld kaufen kann«, sagt die Sängerin Madonna. »Aber mir ist klar geworden, dass dies nicht die Dinge sind, die einen wirklich glücklich machen; nichts in der materiellen Welt kann das.«

 

Dass sich durch die Kabbala Sinnkrisen überwinden lassen, glauben weltweit schätzungsweise über drei Millionen Menschen. Dafür brauche man sogar - behauptet der amerikanische Kab­bala-Guru Philip Berg - die Thora gar nicht mehr zu lesen, geschweige denn zu entschlüsseln: Es reiche, mit der Hand über seine englische Übersetzung zentraler Kabbala-Texte zu strei­chen, um in Sekundenschnelle zur Weisheit zu gelangen. Mit 450 Dollar für sein Buch ist man dabei.

 

Gegen leicht verdauliche Instant-Religion à la Berg und Bibel-­Codes à la Drosnin wendet sich der Bibelexperte und Autor Paul Hengge mit Entschiedenheit: »Ich halte von der Suche nach Geheimnissen in der Bibel nichts. Wenn man an Gott glauben will, dann darf man ihn nicht für so dumm halten, dass er den Men­schen Geheimnisse erzählt, die sie nicht verstehen. Das ist das delphische Orakel gewesen bei den Griechen. Und diese griechi­sche Tradition ist in die biblische Überlieferung hineingeflossen. Da kennen nur ein paar Mächtige die Geheimnisse und beherr­schen damit die anderen, die ihren Anordnungen folgen sollen. Das kommt dem Machtbedürfnis der Menschen entgegen. «

 

NACH HENGGE GEHT ES nicht darum, Geheimnisse in die Bibel hinein-, sondern Verfälschungen der alten Texte herauszulesen. Und dazu braucht man weder Kabbala noch Computer. In sei­nem Buch »Auch Adam hatte eine Mutter. Bibelkorrektur I« führt der Autor diverse Beispiele für seine These an, derzufolge die kirchliche Überlieferung die Menschen daran gehindert hat, die Bibel als ein vernunftgemäßes und hoch aktuelles Buch anzu­sehen. Er plädiert dafür, »den hebräischen Text der fünf nach dem Propheten Moses benannten Bücher so zu lesen, als wären die Schriften erst in unserer Zeit entdeckt worden«. Deren Gehalt müsse »ohne die geistigen Fesseln der biblischen Auslegungstra­dition gelesen und neu ergründet werden«. Dann würden die Verfälschungen der alten Texte durch die Kirchen entlarvt- »über den Wortlaut weit hinausgehende Interpretationen. Sie entstam­men zumeist den mittelalterlichen Bibelauslegungen«.

 

Beim streng sprachwissenschaftlichen »Abgleich« der überlie­ferten Fassungen mit dem hebräischen Text der Bibel hat Heng­ge Ungeheuerliches entdeckt: Die meisten unserer »biblischen Glaubenssätze« stehen gar nicht in den fünf Büchern des Pro­pheten Moses, dem zentralen Teil des Alten 'Testaments. Dass Adam der erste Mensch gewesen sei, dass Eva aus seiner Rippe entstanden sei und dass sie im Paradies Sünde und Tod in die Welt gebracht habe: All dies sei den Dogmen und Denkvor­schriften der aus dein griechischen Denken geformten kirchli­chen Auslegungstradition geschuldet. »Gibt man den Begriffen, die im hebräischen Text stehen, eine von den Bedeutungen, die ihnen - auch in der kirchentra­ditionellen Textauffassung - an anderen Stellen der Bibeltexte gegeben werden, so verändert sich der Text entscheidend«, erklärt Hengge.

PAUL HENGGE Der Bibel­forscher

hält nichts von »Bibel-Codes«. Er

wendet sich aber auch gegen die

geistigen Fesseln der kirchlichen

Bibelauslegung

 

DANN WÄRE z. B. »Adam« nicht mehr der Name einer männli­chen Person. Stattdessen »wür­den wir, so wie es ursprünglich geschrieben war, Adam überset­zen mit: der Mensch oder die Menschen«. Das Wort »Rippe« könne nach dem hebräischen Wortgebrauch in der Bibel eben­falls anders übersetzt werden: zum Beispiel nach dem Wort­stamm als »das Wesen«. Dann würde sich der Bibeltext von der Erschaffung des Weibes« in der Genesis 2,22 ganz anders lesen: »Und zwar ließ jahweh Elohim aus dem Wesen (Samen) des Mannes eine Frau werden. Und zeigt ihm dies.« Diese veränder­te (genauer: richtig gestellte) Wortbedeutung ist schwer wie­gend: Denn damit erhalten wir, so Hengge, »eine Beschreibung der entwicklungsgeschichtlich entscheidenden Erkenntnis unserer Ur-Ur-Vorfahren, dass das Leben im weiblichen Körper nur durch männliche Zeugung entstehen kann«. Erst aus dieser »Zeugungserkenntnis« über den Zusammenhang von Paarung, Zeugung und Geburt »entwickelt der Urmensch die individuelle Beziehung der Zuneigung, aus der er seine Verantwortung auch für die Schwächeren erkennt«. So gelesen, werde der Bibeltext plötzlich »eine modern anmutende Beschreibung der Entwick­lungsgeschichte des Menschen«.

Auch die Schöpfungsgeschichte hat, folgt man Hengge, keine Ähnlichkeit mehr mit den uns vertrauten Bibel-Legenden. In den konventionellen Übersetzungen gebietet Gott den Menschen, »bevölkert die Erde und macht sie euch untertan« (1. Buch Mose 1,28) - wortgetreu übertragen müsste es heißen: »Nehmet die Erde unter eure Füße! « Diesen Gedanken haben die frühen Schrift­gelehrten jedoch als Aufforderung missverstanden, der Mensch solle sich zum Herrscher über die Erde aufschwingen. »Diese Gelehrten haben niemals einen Sandsturm in der Wüste erlebt, sonst wären sie nie auf den lächerlichen Gedanken gekom­men, der Mensch könne über die Natur herrschen«, kom­mentiert Paul Hengge. » Die Erde unter die Füße zu nehmen « heiße dagegen, »dass sich die Menschen aufrichten - also beginnen, sich aus dem tierhaften Dasein allmählich zu lösen. Und mit dem Verstand entwickeln sie auch das Bedürfnis nach Verständigung - das Wort.« Die »falsche« Übersetzung, die uns Herrschaft zuweist, hat jedoch unser Bewusstsein und unseren Umgang mit der Erde zutiefst geprägt. Wir beginnen erst heute, dieses Miss­verständnis in all seinen Folgen zu begreifen.

 

DIE BIBEL IN HENGGES SINN »neu« zu lesen - das konnte erst der Moderne gelingen. Noch bis in die Zeiten Luthers hatte der Laie kaum eine Möglichkeit, selbst zu lesen, was in der Heiligen Schrift stand: Die biblischen Texte waren nur den Priestern zugänglich, die sie predigten und interpretierten - Kritik war nicht erlaubt. Doch die Bibel wurde von Menschen verfasst - und Menschen können irren. Wir wissen aus der wissenschaftli­chen Bibelkritik, dass die Texte aus mehreren Quellen und aus verschiedenen, weit auseinander liegenden Epochen stammen. Und sie sind Übersetzungen von Übersetzungen - dabei wurden alte Fehler tradiert und neue gemacht. Wäre das nicht passiert, würde uns die Bibel heute viel »moderner« erscheinen. Denn eine unvoreingenommene Lektüre der jahrtausendealten hebräi­schen Texte zeige, so Hengge, dass sie - anfand der vielen im hebräischen Text verwendeten Gottesnamen verfolgbar - Frag­mente einer alten Überlieferung enthalten, in denen uns die Hei­lige Schrift »Beschreibungen von den wichtigsten Phasen der Menschheitsentwicklung gibt, die in vielen Aussagen dem Wis­sensstand der modernen Naturwissenschaften entsprechen«. Wenn die Verfasser dieser alten Überlieferung über solches Wissen verfügten, lasse dies den Schluss zu, »dass es eine in vorge­schichtlicher Zeit entstandene und wieder versunkene Kultur­entwicklung gegeben haben muss, die wir noch nicht entdeckt haben«.

 

Neu gelesen, enthält die Bibel mehr modernes Wissen,

als wir glauben. Entstand sie in einer HOCHKULTUR,

die wir noch nicht kennen?

 

Liegt hier - Bibel-Code hin oder her - das »wahre« Geheim­nis der Bibel? Ist sie vielleicht das ferne Echo einer untergegan­genen Hochkultur - wesentlich älter als die bekannten Hoch­kulturen des dritten und vierten vorchristlichen Jahrtausends in Ägypten und Mesopotamien? Viele Historiker und Archäologen lehnen diesen Gedanken ab. Doch immer mehr Funde legen nahe, diese Ablehnung endlich zu korrigieren. So wurden z. B. in Nevali Cori in Südostanatolien (Türkei) erstmals Tempel mit Men­schenbildnissen und massive Steinhäuser aus der Zeit um 7000 v. Chr. ausgegraben. Zeugen einer bislang verborgen gebliebe­nen Hochkultur? Wenn aber die Bibel auf eine noch viel ältere Überlieferung zurückgeht, dann wären die hebräischen Texte Übersetzungen aus einer bisher unbekannten Sprache. »Das wür­de erklären, wieso die Etymologie manch wichtiger Wörter und deren ursprüngliche Bedeutung nicht mehr erkennbar sind«, sagt Hengge.

DOCH NICHT NUR der sprachwissenschaftliche Ansatz des Autors führt auf die Spur zu den tatsächlichen Geheimnissen der Heili­gen Schrift. Auch Chemiker und Evolutionsbiologen stoßen auf überraschende Hinweise - die das Buch der Bücher auf unge­wohnte Weise modern und naturwissenschaftlich fundiert erschei­nen lassen. So steht im i. Buch Mose (2,7), dass der erste Mensch aus »Erde vom Ackerboden« geformt wurde - also aus Lehm. Was man bislang eher für ein Märchen hielt, erscheint jetzt als wissenschaftlich nachvollziehbar: Lehm ist der ideale Kandidat, um den entscheidenden Urfunken des Lebens zu zünden! Das hat der schottische Biochemiker A. Graham Cairns-Smith von der Universität Glasgow herausgefunden. Er kommt zu dem Ergebnis, das Leben habe nicht erst - wie bisher angenommen - mit der in den komplizierten organisehen Nukleinsäuren RNA und DNA ver­schlüsselten Information begonnen. Stattdessen habe es eine Vorstufe der Entwicklung gege­ben: Die »ursprünglichen« genetischen Daten­speicher seien einfache anorganische Kristalle gewesen, wie man sie im Lehm findet. Lehm­körnchen laden sich mit Metallionen auf, die dabei bestimmte Muster bilden, in denen im Prinzip so etwas wie »Erbinformationen« ver­schlüsselt, sein könnten. Jedenfalls wies Cairns­Smith nach, dass diese Informationen auch dann erhalten bleiben, wenn der Kristall Schicht für Schicht wächst - sich quasi »vermehrt«. Um ihre »Fortpflanzung« zu beschleunigen, haben die Kristalle im Lehm - so der Forscher - irgendwann auf Aminosäuren basierende » Replikatoren« entwickelt: Vorläufer der kom­plexen DNA-Nukleinsäuren. Damit war die Schwelle von der anorganischen zur organi­schen Materie überschritten - und die Evoluti­on konnte beginnen.

Cairns-Smiths Ergebnisse bedeuten nicht mehr und nicht weniger: Die Bibel erzählt uns init der Schöpfungsgeschichte kein Märchen. Lehm als Basis des Lebens - so könnte es gewe­sen sein! Dennoch entzweit die Frage nach dem Ursprung unserer Existenz die Bundesbürger wie kaum eine andere: 48 Prozent glauben an die Version der Bibel, die anderen lehnen diese Erklärung ab. Vielleicht können die neuen For­schungen aber dazu beitragen, dass sich die Grenzen zwischen Glauben, Unglauben und Wissen langsam auflösen.

 

Zumindest liefern sie genügend Gründe für ein neues Interesse am Buch der Bücher. Bisher sieht es damit noch ziemlich düster aus: Zwei Drittel der evangelischen und katholischen Kir­chenmitglieder in Deutschland können keinen einzigen Bibelvers aufsagen, hat vor kurzem das Meinungsforschungsinstitut Enigma fest­gestellt. Und gerade mal elf Prozent der 14- bis 29-Jährigen »lesen öfters mal« in der Bibel, hat das evangelische Magazin »chrismon« in einer repräsentativen Umfrage herausgefunden. Doch das kann sich ändern, wenn sich erst mal herumgesprochen hat, dass die Bibel dann die größten Überraschungen bietet, wenn man sie unbefangen liest-ohne scheinwissenschaftliche Scheuklappen von Bibel-Code-Forschern und ohne kirchliche Bevormundung.

 

INTERNET ADRESSEN

Bibeltexte online: www.animabit.de/bibel/online.htm

Weitere Informationen und Links finden Sie unter

www.pm-magazin.de