Gotteskomplex

Stellungsnahme zum Buch von Esther Keller-Stocker >hier<,

Nachruf von Irene Meichsner >hier<.

 

 

Horst-Eberhard Richter (geboren am 28. April 1923 in Berlin, gestorben am 19.12.2011 in Gießen), Univ.-Prof. em. Dr. phil. Dr. med., ist ein deutscher Psychoanalytiker und Psychosomatiker. Der Autor zahlreicher Bücher gilt vielen als der „große alte Mann“ der bundesdeutschen Friedensbewegung.

 

Nach Erlangung des Abiturs wurde Richter 1942 zur Wehrmacht eingezogen und diente als Richtkanonier an der Ostfront. Später wurde er in Italien eingesetzt und desertierte dort 1944 als er sich in die Alpen auf eine Hütte absetzte. Nach Kriegsende studierte Richter Medizin, Philosophie und Psychologie und wurde 1949 zum Dr. phil. und 1957 zum Dr. med. promoviert. In den Jahren 1950 bis 1954 machte er eine Ausbildung zum Psychoanalytiker am Berliner Psychoanalytischen Institut. 1962 wurde er nach Gießen auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychosomatik berufen und baute das Psychosomatische Universitätszentrum auf, dessen Direktor er wurde. Er wurde 1991 emeritiert. Von 1992 bis Dezember 2002 leitete er das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut. 2004 hatte er eine Gastprofessur an der Universität Wien inne.

Seit 1973 gehört Richter, dessen Bücher bisher in 12 Sprachen übersetzt wurden, dem PEN-Zentrum der Bundesrepublik an.

Richter wurde zunächst insbesondere als einer der Pioniere der psychoanalytischen Familienforschung und Familientherapie bekannt, aber auch durch seine psychosomatischen Forschungen und sozialphilosophischen Beiträge. Sein kulturpsychologisch-psychoanalytisches Hauptwerk ist Der Gotteskomplex (1979), in dem er die These aufstellt, dass der moderne Mensch den spirituellen Glauben durch den Glauben an den naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt ersetzt und dadurch Allmachtshoffnungen befriedigt.

1981 wurde Richter mit seiner Satire Alle redeten vom Frieden zu einer der Leitfiguren der Friedensbewegung. Im selben Jahr gehörte er zu den Gründern der westdeutschen Sektion der Ärzte gegen den Atomkrieg. Er verfasste die weithin bekannte Frankfurter Erklärung, deren Unterzeichner sich dazu bekannten, sich jeglicher kriegsmedizinischen Schulung und Fortbildung zu verweigern. Seit 1987 arbeitet er in der International Foundation for the Survival and Development of Humanity mit. Noch 2003 trat er auf vielen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg auf. In seinen späten Büchern ruft er dazu auf, sich bei Attac zu engagieren.


Der Gotteskomplex

Die Geburt und die Krise des Glaubens an die Allmacht des Menschen

Psychosozial-Verlag

19,95 Euro

 

Aus der Rückseite ist zu lesen:

 

Horst-Eberhard Richter beschreibt die moderne westliche Zivilisation als psychosoziale Störung. Er analysiert die Flucht aus mittelalterlicher Ohnmacht in den Anspruch auf egozentrische gottgleiche Allmacht. Anhand der Geschichte der neueren Philosophie und zahlreicher sozio-kultureller Phänomene verfolgt er den Weg des angstgetriebenen Machtwillens und der Krankheit, nicht mehr leiden zu können. Die Überwindung des Gotteskomplexes wird zur Überlebensfrage der Gesellschaft und des modernen Menschen.


Horst-Eberhard Richter, Dr. med. et phil., war von 1962-1992 Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Gießen. Anschließend Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt a. M. bis 2002. Er ist Mitbegründer und Ehrenvorstand der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW - International Physicians for the
Prevention of Nuclear War).
 

Zu diesem Buch
Horst-Eberhard Richter beschreibt die moderne westliche Zivilisation als psychosoziale Störung. Er analysiert die Flucht aus mittelalterlicher Ohnmacht in den Anspruch auf egozentrische gottgleiche Allmacht. Anhand der Geschichte der neueren Philosophie und zahlreicher soziokultureller Phänomene verfolgt er den Weg des angstgetriebenen Machtwillens und der Krankheit, nicht mehr leiden zu können. Die Überwindung des Gotteskomplexes wird zur Überlebensfrage der Gesellschaft.

 

Weitere Bücher von Horst-Eberhard Richter im Psychosozial-Verlag:

Wer nicht leiden will muß hassen, Herzneurose (2004),

Psychoanalyse und Politik,

Aufstehen für die Menschlichkeit (2003),

Die Chance des Gewissens (2002),

Kultur des Friedens, Engagierte Analysen, Flüchten oder Standhalten (2001),

Unbequem und engagiert –Horst-Eberhard Richter zum 75. Geburtstag (bg. von Trin Haland-Wirth u. a.) (1998),

Lernziel Solidarität (1998),

Zur Psychologie des Friedens (1996),

Die Gruppe (1995)
 


Stellungnahme aus:

http://theologie-vision.eu/bewusst/richter.htm

Horst Richter beginnt sein Buch „der Gotteskomplex“ mit dem Beispiel eines intellektuell wachen Kindes, welches ab einem gewissen Zeitpunkt den Eltern nicht mehr traut. Dieses Misstrauen verursacht im Kinde Angst. Um diese Angst zu meistern, muss das Kind alles unter seiner Kontrolle bekommen. Gleichzeitig entwickelt es um seine Person Allmachts-Phantasien. Sein Verhalten steht in keinem Verhältnis zu seinem effektiven Können und seinen Möglichkeiten.

Ähnliches ist beim europäischen Menschen geschehen. Im Mittelalter befand sich der Mensch in der Geborgenheit Gottes. Doch das Misstrauen gegenüber Gott wuchs, nicht nur aus Angst, von Gott nicht genügend gehalten zu werden, sondern auch aus Sorge vor dem bösen, strafenden Gott. Diese Sorge wurde genährt durch die Prädestinationslehre Augustins, nach der niemand gewiss sein kann, ob er erlöst werde oder für die Erbsünde büssen müsse. Der Konflikt zwingt den Menschen, sich mit Gott zu identifizieren, um dem Problem auszuweichen. Ein schönes Beispiel dafür sei Descartes mit seinem berühmten Satz „Cogito, ergo sum - Ich denke, also bin ich!“ Horst E. Richter sieht darin eine intuitive Entscheidung, in der das Ich seine Selbstgewissheit obenan setzt und somit Gott entmachtet. Aber die Angst vor der Rache Gottes für diese Entmachtung ist bei Descartes noch so groß, dass er alle Mühe darauf verwenden musste, die ungeheure Anmaßung des individuellen Ich nicht nur als Gott gewollt, sondern geradezu als von Gott her bestimmt zu interpretieren. Er führt die Idee, von der individuellen Selbstgewissheit alle weiteren Erkenntnisse ableiten zu können, ursächlich auf Gott zurück: Die höchste Klarheit und Deutlichkeit, mit der das individuelle Ich seiner selbst bewusst ist, könne nur von Gott dem Menschen eingegeben worden sein. Und da Gott gut sei, müsse auch alles wahr sein, was an ähnlich klaren und deutlichen Vorstellungen im Ich vorhanden ist. Denn der gute Gott könne uns ja nicht täuschen wollen. Horst E. Richter folgert daraus: „In Wirklichkeit vertraut dieser Beweis nicht auf Gott, sondern auf die Unfehlbarkeit des eigenen Intellekts“.

Bei der Darlegung von Horst E. Richter gibt es ein Problem: So behauptet er, der Europäer habe sich mit den göttlichen Eltern identifiziert. Ich habe aber noch nie gehört, dass wir göttliche Eltern haben sondern bloß einen göttlichen VATER. Das heißt die Mutter ist ins kollektive Unbewusste verdrängt, wie die Schule von C. G. Jung ausführlich behandelte. C. G. Jung lehrt: weil der göttliche Vater im kollektiven Ich-Bewusstsein verankert ist, kompensiert die Mutter diesen im kollektiven Unbewussten.

Wenn sich das europäische Ich mit dem göttlichen Vater identifiziert, hat er auch die gleiche Struktur wie dieser. Und das heißt dann auch die gleichen Problemen. Und wie die Probleme aussehen, die Gott hat, können wir im Alten Testament nachlesen: Er ist der Schöpfer seiner Welt, eine andere Welt duldet er nicht. Und in seiner Welt ist er Herrscher und setzt seine Normen brennend und mordend durch. Wie ich ihn in meiner Interpretation zu Ezechiel 16 zeige, bekämpft er das archetypisch Weibliche, dessen fascinosum-tremendum (furchtbaren Verzauberung) Gott nicht gewachsen ist. Und genau dieses Problem hat auch der Abendländer. Nehmen wir zum Beispiel seine Frauenfeindlichkeit, die von Beginn der Neuzeit bis weit ins 20. Jahrhunderts dauerte. Doch auch sein Verhältnis zur Natur und zur Welt, beides in seiner Seele Symbole der Grossen Mutter, sind Ausdruck dieser fascinosum-tremendum: Er will die Natur erforschen und durch seine Technik beherrschen, er schafft sich seine Welt und zerstört dabei gleichzeitig die ihn tragende Natur.


Das Gewissen einer Generation
NACHRUF Horst-Eberhard Richter, Psychoanalytiker und Friedensaktivist, ist 88 jährig gestorben

VON IRENE MEICHSNER


"Er schreibt einfach ein gutes Deutsch, klar und auch bei mehrschichtigen komplizierten Sachverhalten zugleich verständlich, ganz anders als Wissenschaftler oft schreiben und zugleich mit einer immer wieder zutage tretenden Wärme die Menschen berührt" Das sagte die Theologin und Pazifistin Dorothee Sölle 2001 in ihrer Laudatio, als Horst-Eberhard Richter der Ehrenpreis der Fairness-Stiftung verliehen wurde. Sie hatte für diese Richter zugeschriebene Fähigkeit auch eine Erklärung parat: Richter sei ein Mensch, „der Intelligenz und Gefühl nicht in zwei verschiedene Tüten packt, die man, weil sie nichts miteinander zu tun haben, höchstens getrennt genießen darf'. Richter selber, der sich in seiner Autobiografie als „Wanderer zwischen den Fronten" bezeichnete, umschrieb sein Talent einmal so: Es liege offenbar darin, „Menschen, die schon beunruhigt sind, zu helfen, wie sie ihre Unruhe gemeinsam mit anderen in Aktivitäten umsetzen können".


Richter übertrug den hippokratischen Eid
ins Soziale und Politische.

Am Montag ist Horst-Eberhard Richter, wie gestern bekannt wurde, 88-jährig in Gießen gestorben. Eine ganze Generation hat den redegewandten Psychoanalytiker und Sozialphilosophen als eine der
Leitfiguren der Friedensbewegung anerkannt und bewundert. In seinem Anspruch, anderen Menschen „Hilfe" leisten zu wollen, schimmert der ärztliche Impuls durch. Richter übertrug ihn ins Politische, indem er den hippokratischen Eid, dessen zentrale Verpflichtung darin besteht, das Leben schützen zu wollen, auf die ganze Gesellschaft erweiterte.
Nach bitteren Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs schrieb Richter, der im April 1923 in Berlin geboren wurde, zunächst eine philosophische Doktorarbeit über den Schmerz. Auf das Medizinstudium folgte eine Ausbildung als Psychoanalytiker, seit 1959 leitete er zunächst das Berliner Psychoanalytische Institut. 1962 übernahm er dann einen der ersten deutschen Lehrstühle für Psychosomatik an der Universität Gießen, wo er bis zur Emeritierung 1991 blieb. Innerhalb eines Jahrzehnts erschienen mehrere Bücher, die zu Klassikern wurden. Richter leitete Neurosen aus familiären und sozialen Konflikten her. Er schrieb sich das „Lernziel Solidarität" (1974) auf die Fahnen, setzte sich in seinem berühmten Buch über den „Gotteskomplex" (1979) mit dem „Allmachtswahn" einer fortschrittsgläubigen Gesellschaft auseinander, der die ethische Kontrolle über technische Umbrüche zu entgleiten drohe.
„Immer wenn Fragen nach dem richtigen Weg auftauchten, wenn Ziele unklar wurden, Ohnmacht uns entmutigte oder Übermut uns gefährdete", so erinnerte sich der Gesundheitspolitiker Ellis Huber, dann „erschien rechtzeitig von ihm ein neues Werk, das Horizonte aufzeigte und mehr Klarheit stiftete". Er selber sei wie viele andere "mit diesen fachlichen wie menschlichen Lotsendiensten erwachsen und auch medizinpolitisch von Jahr zu Jahr mutiger geworden". Richter ging auf die Menschen zu, debattierte mit Schülern und Studenten über Friedenspolitik, nahm selber an Demonstrationen gegen die atomare
Aufrüstung teil, äußerte immer wieder seine Überzeugung, dass gerade Ärzte verpflichtet seien, sich gesellschaftlich zu engagieren. Richter war maßgeblich daran beteiligt, dass die Ärzteschaft begann, ihre NS-Vergangenheit aufzuarbeiten. Für ihn sei die Psychoanalyse nie nur eine tiefenpsychologische Behandlungsmethode gewesen, „sondern, und vielleicht zuallererst, ein Instrument der Aufklärung einer sich sozialanalytisch begreifenden Wissenschaft von Mensch und Gesellschaft", heißt es in einer Kurzbiografie der deutschen Sektion des IPPNW („Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges"), die Richter 1982 mitbegründete. Der IPPNW wurde 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.


In den Irak-Kriegen lieh er seine Stimme der Friedensbewegung.
 

Dass ein Mann mit so großem Veränderungswillen und Einfluss, der sich in seiner Rolle als ärztliche Autorität des Pazifismus durchaus gefiel, bis ins hohe Alter aktiv blieb, ist nur konsequent. In beiden Irak-Kriegen lieh Richter der Friedensbewegung seine Stimme. Theorie und Praxis blieben für ihn fest miteinander verschränkt: „Es gibt eine kreisförmige Wechselbeziehung zwischen Machen und Erkennen. Wenn man nicht macht, was man als notwendig, wenn auch mit persönlichen Unannehmlichkeiten behaftet, erkannt hat, dann kann man irgendwann auch nicht mehr erkennen, was zu machen ist."
Nach seiner Emeritierung leitete Richter 1992 bis 2002 das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut. Das Ansehen, das es sich auch als moralische Instanz erworben hatte, spiegelt sich in den Preisen wider, die ihm noch in den letzten Jahren verliehen wurden: 2002 die Frankfurter Goetheplakette für die „konsequent pazifistische Grundhaltung", 2008 die Paracelsus-Medaille für herausragende Verdienste um das deutsche Gesundheitswesen, 2010 das „Marburger Leuchtfeuer für soziale Bürgerrechte". Der IPPNW würdigt Richter als einen „großen Humanisten". Spitzenpolitiker der Grünen erinnern an seine maßgebliche Rolle in der Friedensbewegung: Er sei ein Mensch gewesen, der sich "mit den gesellschaftlichen Zuständen nicht abgefunden hat".

Aus dem Vorwort zu Richters Buch »Psychoanalyse und Politik«: „Es gibt eine kreisförmige Wechselbeziehung zwischen Machen und Erkennen. Wenn man nicht macht, was man als notwendig, wenn auch mit persönlichen Unannehmlichkeiten behaftet, erkannt hat, dann kann man irgendwann auch nicht mehr erkennen, was zu machen ist. Wer Anpassungszwängen taktisch nachgibt, wohl wissend, dass er ihnen mit vertretbarem Risiko widerstehen könnte und auch sollte, wird nach und nach die Unzumutbarkeit von Anpassungsforderungen gar nicht mehr wahrnehmen, d. h., die eigene Gefügigkeit auch nicht mehr als Fluchtreaktion durchschauen. Alles erscheint normal: die Verhältnisse, denen er sich ergibt, und der Verzicht auf Gegenwehr, den er eben gar nicht mehr erlebt.“

Universität Gießen, wo  Horst-Eberhard Richter den Lehrstuhl für Psychosomatik innehatte.