>Hier< Interview mit Fachleuten über Krisenvorhersage;

>hier< Forderung von ATTAC: Zocker sollen zahlen,

 >hier< "Die Selbstheilungskräfte des Finanzmarktes haben versagt";

>hier< zum Artikel "zum Verhältnis des Staates zum Kapitalismus"

von Schwering vom 17.10.2008 (am Ende dieser Seite);

 >hier< Stellungnahme des Regisseurs Oliver Stone zur Frage

 „Was ist ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank?"

>Hier< Anzahl der Banken in Deutschland (Kreditbanken,

Landesbanken, Sparkassen, Kreditgenossenschaften).

>Hier< etwas zur "Umlage auf Bevölkerung".

Neue Webseiten:

>Hier<  Kölner Kardinal Meisner zur "Habsucht" der Bankmanager und

daran anschließend die geschätzten Kosten.

>Hier< ein Kommentar von Daniela Dahn:

"Konjunkturprogramm ja - Bankenschirm Nein"

u.a. mit Hinweis auf Konkurs-, d.h. Bankrottstraftaten.

>Hier< Banken und Management: Eigenkapital der Banken, Bonussystem etc.

mit neuesten Erkenntnissen zur Krise.

>Hier< eine pdf.Datei (144kBytes) mit Lösungsvorschlägen

 der Bankenkrise (dort ab Seite 3).

Die Bankenkrise

 

von wegen - nicht vorhersehbar:

 

Markus Schwering, Kulturredakteur des Kölner Stadt-Anzeiger (www.ksta.de/schwering), schrieb am 13. 10.2008 unter der Überschrift:

 

Die Menschheit stolpert von einem zum anderen Fehler

 

Wenn etwas vor allem auffäl­lig ist an dem Crash des internationalen Finanzmarkts, dann ist es die Tatsache, dass es niemand vorausgesehen haben will. Dabei wurde die gegenwärti­ge Krise des globalisierten Kapita­lismus sehr wohl prognostiziert - nur hat das kaum jemand ernst ge­nommen. Im Buch „Die Globalisierungsfalle" von Hans-Peter Martin und Harald Schumann wurden vor zehn Jahren die selbstzerstörerischen Gefahren einer wild gewordenen, nicht regulierten Marktwirtschaft drastisch be­schrieben. Der Untertitel hieß: „Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand." Im Rückblick mutet diese Analyse prophetisch an. Damals aber wurden die Autoren oft genug als linke Spinner abgetan.

 

Das lag im Trend der Zeit: Nach dem Kollaps des Staatssozialis­mus glaubte der liberale Kapitalismus ohne Rücksicht auf Verluste groß herauskommen zu können. Und tatsächlich darf auch die Sackgasse, in die eine ungezähmte Marktanarchie die Weltgesell­schaft geführt hat, das 1989 offen­sichtlich gewordene historische Scheitern des Gegenmodells nicht vergessen machen. Ob indes der Kapitalismus im Unterschied zum Staatssozialismus das Potenzial hat, mit seiner Lebenskrise fertig zu werden, steht dahin. Was der­zeit dem Kapitalismus hilft, ist ja nicht dessen interne Funktionsweise, sondern der Staat, der von außen unterstützend eingreift. Was wäre denn passiert, wenn die fallierenden Banken nicht von den Regierungen gestützt würden?

 

Dem Sozialismus ist seine feh­lende funktionelle Differenzie­rung zum Verhängnis geworden: Wenn beide, Staat und Wirtschaft, sozialistisch sind, dann muss das eine mit dem anderen fallen. In den westlichen Ländern ist die Wirt­schaft kapitalistisch, aber die staatliche Ordnung ist es nicht - die Marx'sche Theorie einer Ab­hängigkeit des Überbaus von der Basis funktioniert hier nicht wirk­lich. Deshalb kann der Staat der Wirtschaft beispringen - muss es wohl auch, wenn die Krise nicht das politische System gefährden soll. Solchermaßen wird er dann doch zur Geisel der Wirtschaft.

 

Unübersehbar wird nun, dass das Gegenteil des Falschen ebenfalls falsch sein kann. Ihr kollektiver Lernprozess lässt die Menschheit von einem verfehlten Ordnungsmodell zum anderen stolpern. Das erinnert mich an Brechts Herrn Keuner (als Figur des “Denkenden”), der auf die Frage nach seiner aktuellen Tätigkeit antwortet: „Ich bereite meinen nächsten Irrtum vor." Als literari­sche Pointe ist das hübsch, macht aber als Wirklichkeit keinen Spaß. Irgendwann möchte man gern mal bei etwas Richtigem landen.

 

Hans-Peter Martin, Harald Schumann:

Die Globalisierungsfalle

rororo, 1998
Taschenbuch, 352 S.
9,95 €
ISBN 978-3-499-60450-8

 

Aus der rororo-Werbung: "Das Sachbuch aller Sachbücher", urteilte DIE ZEIT, und die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG schrieb: "Vielleicht das wichtigste Buch des Jahres." Wohl noch nie haben deutschsprachige Sachbuchautoren international für so großes Aufsehen gesorgt: Übersetzungen in 26 Sprachen, von Brasilien bis China, Spitzenplätze auf den Bestsellerlisten in vielen Ländern sowie heftige Debatten in Parlamenten und Konzernvorständen führten zu einem globalen Erfolg.

 


Jetzt aus einem Gespräch zwischen Jörg Hunke und Robert von Heusinger vom Kölner Stadt-Anzeiger von Ende Oktober 2008 mit

 

Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank, fürchtet weitere Brandherde nach dem Finanzcrash (Seit 18 Jahren ist Norbert Walter Chefvolkswirt der Deutschen Bank 1944 in Weckbach (Unterfranken) geboren, hat Walter in Frankfurt Volkswirtschaft studiert. Er gilt in Expertenkreisen als unkonventionell und ist geschäftlich oft in den USA unterwegs. Seit acht Jahren ist Walter Mitglied der „Sieben Weisen". Das Gremium beschäftigt sich mit der Regulierung der europäischen Wertpapiermärkte.

 

und 

 

David M. Smick, US-Ökonom, warnt, dass die USA und Europa Einfluss verlieren. Smick, 1953 in Baltimore geboren, ist ein Experte für Fragen der globalen Wirtschaftspolitik. Er hat einflussreiche US-Politiker beraten, darunter den ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan. Zuletzt veröffentlichte Smick das Buch „The World is Curved" („Die Welt ist gekrümmt"), in dem er die Schwächen der Finanzsysteme zum Thema macht. David M. Smick ist Autor der „New York Times" und des „Wall Street Journal".

 

Das Interview lief unter der Überschrift:

 

Keine andere Krise ist so früh vorhergesagt worden

 

Ein Gespräch über die neue Weltordnung und Profiteure der Krise.



KÖLNER STADT-ANZEIGER: Mister Smick Herr Walter, wozu benötigt man eigentlich Ökonomen, wenn sie Wirtschaftskrisen doch nicht vorhersehen können?


NORBERT WALTER: Keine andere Krise ist von Ökonomen so frühzeitig vorhergesagt worden. Schon vor zwei Jahren haben sich nicht nur einige wenige Experten zu Wort gemeldet, es waren viele.


SMICK: Ich habe schon im Frühjahr 2007 mit meinem Verleger über die Gefahren gesprochen. „Wird es wirklich dramatisch werden?", fragte er. Als ich bejahte, bot er mir einen Vertrag für ein Buch über das internationale Finanzsystem an, das im Sommer erschienen ist.

 

WALTER: Vor zwei Jahren wusste man allerdings noch nicht, wo sich diese Krise konkret bemerkbar machen würde. Es schlug dann da ein, wo man es nicht vermutet hatte. Es blieb aber ruhig, wo man Einbrüche erwartet hatte. Sprich: Wir hatten erwartet, es haut bei Hedgefonds rein, bei Private Equity und Pensionsfonds, aber dann hat es die Banken getroffen. Das war die Überraschung, weil die Banken eigentlich als die am besten beaufsichtigten Einrichtungen galten, gerade in der Schweiz, in Deutschland, in den USA und England.


Wenn die Krise mit Ansage kam, warum konnte niemand etwas dagegen tun, um das Schlimmste zu verhindern?


SMICK: Aus meiner Sicht begann die Finanzkrise ja schon Ende der 80er Jahre mit dem Fall der Berliner Mauer. Als das passiert war, kamen China, Indien, Osteuropa und all die aufstrebenden Märkte und wollten so kapitalistisch sein wie der Westen. Das ging eine Zeit lang gut, doch in den späten 90ern kam es zur globalen Kapitalschwemme. Nach der Asienkrise koppelten dann viele Staaten ihre Währung an den Dollar und entwickelten sich zu Exportmaschinen. Eine Menge dieser Sparüberschüsse wurde in die USA gepumpt. Mit diesem Geld hat die Wall Street zu spielen begonnen. Auf diese gefährliche Entwicklung habe ich schon vor Jahren in Washington hingewiesen.


WALTER: Ich habe früh vor dem zu starken Wachstum in den USA und den geringen Zinsen gewarnt. Das Festhalten an niedrigen Wechselkursen insbesondere in Asien, aber auch in Arabien hat zu einer globalen Geldmengenausweitung geführt- Die Europäische Zentralbank hat sich diesem Kurs der niedrigen Zinsen aber nicht angeschlossen, dafür habe ich sie immer wieder gelobt. Die niedrigen Zinsen in den USA kann man mit Drogen vergleichen. Wenn man jemanden zu lange Drogen verabreicht, darf man sich nicht wundern, wenn dieser Mensch irgendwann berauscht ist. So etwas nennt man - na ja- wohl mangelnde Vorsicht.

SMICK: Es hätte trotzdem alles gutgehen können, wenn die Aufsicht über die Finanzinstitute funktioniert hätte. Alan Greenspans großer Fehler war nicht so sehr seine lockere Geldpolitik, sondern sein Glaube an die Selbstregulierungskraft der Finanzmärkte. Er hätte als Notenbank-Chef einmal pro Woche alle Regulierer zu sich bitten und eine deutliche Ansprache halten müssen. So in der Art: „Ich halte die Zinssätze für eine gewisse Zeit niedrig, aber ihr solltet wissen, dass sie da nicht für immer bleiben können. Wenn ihr das aber glaubt, dann macht ihr einen Fehler." Das hat er nicht getan, und so entstand der Eindruck, dass der Maestro der Weltwirtschaft keine Probleme sieht. Warum also hätten sich andere Marktteilnehmer Sorgen machen sollen?


Mit welchen anderen Krisen kann man die aktuelle vergleichen?

 

SMICK: Am ehesten mit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren.


...
 


 

Globalisierungsgegner von Attac* für harte Einschnitte im Finanzwesen:

Die Zocker sollen zahlen

* Abkürzung der französischen: Association pour une taxation des transactions financières pour l'aide aux citoyens (Vereinigung für eine Besteuerung von Finanztransaktionen zum Wohl der Bürger). In Frankreich 1998 gegründet, hat Attac sich den Problemen durch politische, soziale und ökologische Veränderungen wegen der Globalisierung gewidmet und  inzwischen ein weltweit aktives Netzwerk von Personen und Organisationen aufgebaut, das unter dem Schlagwort  "Die Welt ist keine Ware" tätig ist. Es gibt seit 2000 auch eine deutsche Sektion.
 

Nach einem Bericht von

 

 

Am Weltspartag, am 30. Oktober 2008, wenn in den deutschen Kinos der Film „Let' s make money" an­läuft, will das globalisierungskritische Netzwerk Attac vor dem Bundesfinanzministerium in Berlin demonstrieren und Peer Steinbrück auf die Pelle rücken: „Die Verursacher sollen selbst zahlen, holt das Geld von den Reichen." Nicht die Bürger, so die Botschaft, sondern die Zocker und die Profiteure des Systems sollen für die Kosten der Finanzkrise aufkommen. Der Film von Erwin Wagenhofer will dieses Attac-Postulat illustrieren und den "Analphabeten in Finanzfragen" die Augen öffnen mit einem Blick hinter die Kulissen der Banken und Versicherungen.

 

Es bleibt nicht bei einer Forderung, die Attac auf ihrem „Ratschlag", der Bundesvollversamm­lung, in Düsseldorf am Wochenende erhebt. Die etwa 300 Aktiven aus Deutschland verlangen nach höchst kontroversen Debatten die Entmachtung der Banken, die Schließung der Steueroasen, ein Ende der Privatisierung öffentlicher Aufgaben und eine soziale Infrastruktur, um die Folgen der Krise sozial abzu­federn. „Wir stehen vor einer schweren Weltwirtschaftskrise und mitten in einer tiefen sozialen und gesellschaftlichen Krise", resümiert Ste­phan Schilling vom bundesweiten Attac-Koordinierungskreis: „Jetzt ist die Zeit für eine grundlegende Wende gekommen." Zentrale Be­reiche der sozialen Sicherung müss­ten dem Einfluss der Finanzmärkte entzogen werden.

 

Seit der Gründung von Attac in Frankreich sind zehn Jahre vergan­gen. Die Losung lautete damals: Die Finanzmächte entwaffnen, die Märkte durch einen Finanzmarkt­Tüv entschärfen, die Finanzge­schäfte besteuern.

 

Von Marianne Quoirin ist auch die folgende Zusammenfassung:

Zeit für eine grundlegende Wende

aus einer Rede des Sprechers der Grünen-Jugend,

STEPHAN SCHILLING

 

Das war damals, zur Blütezeit der New Economy, eine revolutionäre Idee. Inzwischen sind die Attac-Leute auch mit ihren frühen Mahnungen vor den Schat­tenseiten des unkontrollierten Fi­nanzmarktes in der Mitte angekom­men. Das ist nicht ohne Folgen für Attac geblieben, wie nicht wenige selbstkritische Kommentare beim „Ratschlag", dem Entscheidungs­gremium des Verbandes, dokumentieren. „Wir haben eine Identitäts­krise", klagt eine Frau im Plenum und meint sogar: „Attac erreicht nicht die Leute auf der Straße." Oder: „Wie können wir nach 10 Jah­ren Attac so ratlos dasitzen wie jetzt?" Ein anderer beklagt: „Wir neigen zur Selbstzerfleischung", be­vor eine weitere Aktivistin bei ei­nem Blick zurück lobt, wie Attac ei­gene Themen auf die öffentliche Ta­gesordnung gebracht hat.

 

Später wird man sich einig: „Wer soll auf die Straße gehen, wenn nicht wir, wenn nicht jetzt?" In Koopera­tion mit den Bündnispartnern aus den Arbeitslosen-Initiativen, Ge­werkschaften und Kirchen hofft man, „Herrn und Frau Mustermann" über die Folgen der Krise zu infor­mieren und die Bürger zu mobilisie­ren. „Wir haben keine konkreten Rundum-Antworten", behauptet ein Mitglied, „aber wir können kritische Fragen stellen."

 

Aber wie? „Wir brauchen auch Aufklärung in unseren Reihen", stellt eine Kölnerin fest, die für loka­le Aktionen neben „einer richtigen Analyse" auch pädagogisches Ma­terial fordert: „Könnt Ihr uns ein Argumentationspapier machen?"


 

Staatseinsatz ohne Alternative

Die gern gelobten Selbstheilungskräfte
des Finanzmarktes haben versagt

 

Schlimmer geht es nimmer, dachten die meisten nach je­der Horrormeldung aus der Fi­nanzhölle. Und es kam schlim­mer. Inzwischen können sich Po­litiker und Notenbank-Chefs so­gar den GAU, die Kernschmelze unseres Finanzsystems, vorstel­len. So weit darf es natürlich nicht kommen, deshalb wird in London über die Teilverstaatlichung von Großbanken verhandelt, deshalb haben die G-7-Industriestaaten verabredet, systemrelevante Fi­nanzkonzerne um jeden Preis auf­zufangen. Noch so eine Pleite wie Lehman Brothers wäre tödlich. In Berlin wiederum wird das größte staatliche Banken-Rettungspaket aller Zeiten ge­schnürt, um per Eilgesetz Vorsorge treffen zu können, den Ban­ken einen dreistelli­gen Milliardenbetrag bereitzustellen.

 

Die Bundesbürger verhalten sich bisher vernünftiger als die Macher aus der Finanzbranche. Dazu hat auch die von der Bun­desregierung gegebene Staatsga­rantie für Spareinlagen beigetra­gen. Damit ist eine Säule des Fi­nanzsystems stabilisiert. Doch die andere Säule, die Kreditseite, ist unverändert vom Einsturz be­droht. Die Banken brauchen Geld, aber die Kreditgeber ma­chen dicht, weil sie nicht wissen, ob sie ihr verliehenes Geld je Wie­dersehen.

 

Kredit kommt vom Lateini­schen credere, also glauben, ver­trauen. Das fehlende Vertrauen wirkt sich in der Praxis fürchter­lich aus, wenn sich eine Bank nicht genug Bargeld beschaffen sollte, um etwa den Kunden ihr Gehalt auszuzahlen. Ein solcher Engpass kann Dominoeffekte auslösen: Rasch spricht sich der Geldmangel herum, es wird dann versucht in anderen Filialen Geld abzuheben, es kommt zu Tumulten und schließlich zu ersten Hamsterkäufen im Supermarkt.

 

Genau diese irrsinnige Spirale muss die Politik verhindern, denn klar scheint, dass nur der Staat da­zu noch in der Lage ist. Der Werk­zeugkasten der finanzpolitischen Instrumente leert sich, nachdem die Liquiditätsspritzen der Noten­banken und Zinssenkungen das Misstrauen der Banken nicht auf­brechen konnte. Der letzte Aus­weg: Der Staat muss nicht nur für die Einlagen garantieren, sondern auch für die Verbindlichkeiten der Banken. Wenn deren Refinan­zierung am Geld- und Kapital­markt nicht gesichert wird, trock­net das Finanzsystem aus und es kommt sehr bald zu dramatischen Auswirkungen auf die reale Wirtschaft.

 

Die Politik, da lauert allerdings die Gefahr, hat keine Blaupause für eine solch krisenhafte Entwicklung. Vor 80 Jahren, bei der Weltwirtschaftskrise, waren die Regierungen restlos überfordert: Sie drehten die Geldhähne zu und verordneten Sparzwang. Im Nachhinein ist man schlauer. Als Lehre aus der großen Depres­sion von damals gibt es diesmal als Heilmittel massive Liquidi­tätshilfen und Kapitalspritzen. Der Teufel steckt bei solchen (finanz-)politischen Schnellschüssen im Detail, wenn sich die Hilfen auf kränkelnde Institute beschränken und es zu Wett­bewerbsverzerrungen kommt. Ebenso müssen die Rettungsak­tionen europaweit koordiniert sein, um gefährliche Ausweich­manöver zu verhindern.

 

Gleichwohl gibt es, weil die viel beschworenen Selbsthei­lungskräfte des Finanzmarktes versagen, keine Alternative mehr zum umfassenden Notfalleinsatz des Staates. Zu den Risiken und Nebenwirkungen dieser radika­len Medikation fragen Sie den normalen Bundesbürger. Selbst wenn er als Sparer mit einem blauen Auge davonkommt, als Steuerzahler wird er dafür noch kräftig bluten müssen.

juergen.sussenburger@mds.de


 

Staat und Kapitalismus:

Die Schildkröte auf dem Rücken

Von Markus Schwering

 

Noch ist nicht abzusehen, worauf die Finanzkrise hinausläuft, da melden sich bereits die Diagnostiker zu Wort. Ist der Kapitalismus gescheitert? Aus gegebenem Anlass: Überlegungen zum Verhältnis von Staat und Kapitalismus.

 

Die einen sehen im Zusammenbruch der Kapitalmärkte das endgültige Scheitern des kapitalistischen Wirtschaftsmodells. Die anderen nehmen zumal die staatlichen Stützmaßnahmen zugunsten der schwächelnden Banken als Indiz für die Fähigkeit des Systems, selbst mit seiner fundamentalen Existenzbedrohung fertig zu werden - im Gegensatz zum real existierenden Sozialismus, für den eine solche Krise das Aus bedeutete.

 

Für eine definitive Einordnung des Phänomens selbst wie der zu erwartenden Folgen in der westlichen Wohlstandssphäre und im globalen Maßstab ist es freilich noch zu früh. Dennoch gibt es Anhaltspunkte dafür, dass beide konträre Interpretationen falsch sind - jedenfalls in ihrer apodiktischen Äußerungsform. Gescheitert ist zunächst einmal nicht „der“ Kapitalismus, sondern seine rabiate Spielart: ein anarchisch-deregulierter Marktliberalismus, der sich, begünstigt durch die fortschreitende globale Vernetzung der Ökonomie, in den 90er Jahren in Reaktion auf das erledigte Sowjetsystem in Ideologie und Praxis durchgesetzt hatte.

 

Unzutreffend ist aber auch die Ansicht, die staatliche Unterstützung für die Kreditinstitute offenbare die überlegene Krisenbewältigungskapazität des Kapitalismus. Denn die Hilfe kommt von außen, nicht aus dem System selbst - dieses zeigte sich angesichts des Finanzmarkt-Kollapses so hilflos wie eine auf dem Rücken liegende Schildkröte. Was geschehen wäre, wenn sich die Regierungen nicht zu umfassenden Bürgschaften bis hin zu Teilübernahmen entschlossen hätten, ist kaum auszudenken.

 

Die These von der Durchhaltekraft des Kapitalismus funktionierte nur dann, wenn der helfende Staat selbst als Teil des Systems, also als „kapitalistisch“ begriffen werden könnte. Dies aber kann er nicht. Dabei ist die Formulierung „kapitalistischer Staat“ mehrdeutig. Meint sie, dass der Staat selbst als beherrschender Investor und Marktakteur auftritt? Das wäre unzutreffend: Die Staatsquote in den krisenverursachenden USA liegt derzeit bei 34 Prozent, in Deutschland bei 43 Prozent. Die bedrohte Münchner Hypo Real Estate ist eine Privatbank, zu deren Aktionären die öffentliche Hand nicht gehört. Im Wesentlichen liegen die Produktionsmittel und die Wirtschaftstätigkeit in den westlichen Demokratien - und nach der Auflösung des sozialistischen Lagers tendenziell weltweit - in den Händen privater Akteure.

 

Tatsächlich gehört die Ausdifferenzierung von Staat einerseits und Gesellschaft /Wirtschaft andererseits - Hegel hat sie als erster umfassend erkannt und begrifflich klar gefasst - zu den Errungenschaften in jenem Modernisierungsprozess, dem (zunächst) westliche Gemeinwesen seit dem 18. Jahrhundert unterlagen. Der Staatssozialismus versuchte diese Differenzierung, die die Produktivkräfte ungeahnt entfesselt hat, „künstlich“ aufzuheben - dort wurde der Staat zum einzigen Wirtschaftsakteur. Daraus resultierte die bekannte in den Untergang führende Immobilität: Der eine musste mit dem anderen fallen, weil er mit ihm identisch war.

 

Nun könnte der Staat immer noch in dem Sinn als „kapitalistisch“ bezeichnet werden, dass er bei nur noch scheinbarer funktioneller Selbständigkeit zum Diener, zum Erfüllungsgehilfen und Handlanger der kapitalistischen Monopolwirtschaft wird. Diese extreme Auslegung des Marx'schen Basis-Überbau-Modells ist in der Ideengeschichte als Stamokap-Theorie bekannt („Staatsmonopolistischer Kapitalismus“). Sie geht zurück auf Rudolf Hilferding*, wurde u. a. von Lenin weiterentwickelt und war in den 70er Jahren auch bei den bundesdeutschen Jusos populär.

* 1877 bis 1941, österreichisch-deutscher Sozialwissenschaftler, Politiker (SPD) und Publizist, Arzt, 190423 Mitherausgeber der "Marx-Studien", 1907 bis 1916 Redakteur beim "Vorwärts"; war 1923 und 1928 bis 1929 Reichsfinanzminister.
 

Auf Anhieb hat diese Theorie gerade heute einiges für sich. Die personellen Drehtür-Effekte zwischen Management und Politik in den USA und der Lobbyismus der Interessengruppen auch in Berlin scheint eine weitgehende Abhängigkeit der Staatstätigkeit von privatwirtschaftlichen Interessen anzuzeigen. Letztlich trifft das auch für die - de facto wohl alternativlose - Unterstützungsaktion für die Banken zu, die beweist, dass der Staat ein Stück weit zur Geisel der Wirtschaft geworden ist. Er muss im eigenen Interesse verhindern, dass die Krise der Kreditmärkte sich zu einer Systemkrise auswächst.

 

Aber Vorsicht! Die staatliche Ordnung und ihr Institutionen-Gefüge ermöglichen derlei Abhängigkeiten - die Kumpanei von Kapitalismus und Politik -, sind aber nicht mit ihnen identisch. Begünstigt wird der Kapitalismus - in den vergangenen Jahren: der deregulierte Kapitalismus - nicht durch den Staat, sondern durch Parlamentsmehrheiten und die durch sie verabschiedeten oder nicht verabschiedeten Gesetze. Parteien und ihre Vertreter wiederum sind gesellschaftliche, keine staatlichen Akteure.

 

Die staatliche Ordnung der Bundesrepublik ist demokratisch, aber weder „kapitalistisch“ noch „anti-kapitalistisch“, sie verhält sich zu diesen ökonomischen Modellen neutral. Wer einen Blick in die Länderverfassungen (etwa die von Hessen) wirft, wird feststellen, dass dort die Sozialisierung von Produktionsmitteln ohne weiteres ermöglicht wurde. Und niemand wird sagen wollen, dass ihre „Mütter“ und „Väter“ keine Demokraten waren.

 

Wenn diese Möglichkeiten nicht genutzt wurden, dann waren dafür politische Richtungsentscheidungen verantwortlich, nicht war es die staatliche Grundordnung. Das aber heißt nichts anderes, als dass auch heute (mag man es nun begrüßen oder ablehnen) eine die Produktionsverhältnisse verändernde Politik prinzipiell möglich wäre - als demokratische und trotz der absehbaren juristischen Friktionen. Wer heute die Wirtschaft in den westlichen Ländern neuordnen, wer Banken mit riskanten Geschäftspraktiken, hochspekulative Fonds, sinistre Rating*-Agenturen, überbezahlte Manager etc. an die Kandare legen will, der ist gehalten, Mehrheiten in den Parlamenten zu besorgen, die für entsprechende Gesetze einstehen - der Staat hindert ihn nicht.

* Bankwesen: Einstufung von Ländern (Länderrating), international tätigen Banken (Bankenrating) und Geld- beziehungsweise Kapitalmarktpapieren (Emissionsrating) nach ihrer Fähigkeit, Kredite fristgerecht zurückzuzahlen (Bonität), in ein Klassifikationssystem durch neutrale Ratingagenturen wie Standard& Poor's Corporation und Moody's Investors Service. Emissionsrating zielt in erster Linie auf die Wahrscheinlichkeit der fristgerechten und vollständigen Zins- und Tilgungsleistungen durch die Emittenten, es werden aber auch andere Komponenten (z.B. Ertrag, Kapitalausstattung, Qualität von Forderungen) einbezogen. Rating dient der Markttransparenz und hat für Emittenten mit hoher Einstufung den Vorteil, Kapital zu Vorzugskonditionen zu erhalten. (© 2003 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG)

 

Eine andere Frage ist, ob solche Versuche gegenwärtig viel brächten. Der wirtschaftlichen ist eine politische Globalisierung, die ihr allein Paroli bieten könnte, bis heute nicht nachgewachsen, so dass nationalstaatliche Steuerungsressourcen zusehends austrocknen. Konkret heißt das: Um Investoren anzulocken, begeben sich die Staaten in einen ruinösen Wettbewerb um möglichst günstige „Standortbedingungen“. Den international agierenden Investoren wächst dadurch ein erhebliches Erpressungspotenzial zu.

Solange die Politik unfähig ist, im globalen Maßstab eine Regulierung der Finanzmärkte ins Werk zu setzen, bleibt sie ein zahnloser Tiger. Das aber ist, wie gesagt, tatsächlich ihr Problem. Und der staatlichen Ordnung dann insofern, als eine wirksame übernationale Politik Strukturen voraussetzt, die die Nationalstaaten übergreifen. Die aber können wiederum nur durch Politik hergestellt werden.


 

 „Was ist ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank?"

ist ein bekannter Ausspruch von Bertolt Brecht.

 

Hat er recht?

 

Diese Frage stellte Jörg Schindler dem vielleicht berühmtesten, aber auch umstrittensten Regisseur der USA, dem 1946 geborenen Oliver Stone. Dessen beiden Vietnam-Filme „Platoon" und „Geboren am 4. Juli" brachten ihm den Regie-Oscar ein. Für den Film „Midnight Express" hatte er zuvor den einen Drehbuch-Oscar  erhalten. „Wall Street 2", die Fortsetzung seines 1987er-Films „Wall
Street" kommt am 21. Oktober in die deutschen Kinos.


Oliver Stone gab auf obige Frage als Antwort: »Absolut. Was in den letzten zwei Jahren, also mit dem Finanzcrash 2008 in den USA passiert ist, war doch die größte Abzocke in der Geschichte der Menschheit, und das am helllichten Tag. 800 Milliarden US-Dollar mussten in das System gepumpt werden, um es zu retten.


Die Banken hatten vergiftete Versicherungen auf dem ganzen Planeten verhökert, die von irgendwelchen obskuren Institutionen mit „AAA" bewertet wurden, also todsicher. Das war Dreck, aber sie haben ihn mit Triple-A ausgezeichnet. Nicht zu glauben: Heute verkaufen sie das Zeug schon wieder. Nicht zu vergessen, dass es Banken waren, die auf den Wertverfall ihrer eigenen Papiere spekuliert haben. Verglichen damit ist ein Bankraub wirklich ein Witz.«


 

Anzahl der Banken und ihre Zweigstellen in den einzelnen Bankengruppen - Angaben des Bundesverbandes Deutscher Banken von 2007:

 

Kreditbanken

Zahl der Institute 278

Zahl der inländischen

Zweigstellen

 11.286

Zahl der inländischen

Zweigstellen insgesamt

 11.564

Zahl der ausländischen

Niederlassungen

 486

 

Landesbanken

Zahl der Institute 12

Zahl der inländischen

Zweigstellen

      485

Zahl der inländischen

Zweigstellen insgesamt

 497

Zahl der ausländischen

Niederlassungen

 116

 

Sparkassen

Zahl der Institute 446

Zahl der inländischen

Zweigstellen

 13.264

Zahl der inländischen

Zweigstellen insgesamt

 14.070

Zahl der ausländischen

Niederlassungen

5

 

Kreditgenossenschaften

Zahl der Institute 1.234

Zahl der inländischen

Zweigstellen

 12.477

Zahl der inländischen

Zweigstellen insgesamt

 13.711

Zahl der ausländischen

Niederlassungen

 8

Banken insgesamt:  2.585, in- und ausländische

Zweigstellen:        39.842, allein inländischer Banken

Wikipedia bringt fast die gleichen Zahlen:

Bankenstatistik 1995 2000 2005 2009
Anzahl Banken 3.785 3.785 2.344 2.121
Anzahl Filialen 71.716 59.848 46.444 39.441
Zahl der Auslandsbanken 579 714 685  

Nach der Pressekonferenz des Statistischen Bundesamtes am 28. November 2007 in Berlin über „Familien in Deutschland – Ergebnisse des Mikrozensus 2006“ (Statement von Präsident Walter Radermacher) lebten 39% der Bevölkerung in Familien (gegenüber  43% im April 1996).

Die Zahl der Familien geht weiter zurück: 2006 gab es knapp 8,8 Millionen traditionelle Familien in Deutschland. Im April 1996 waren es noch gut 9,4 Millionen. Damit sank die Zahl der Familien innerhalb von zehn Jahren um 668 000 oder 7%. Die Zahl der Alleinerziehenden und Lebensgemeinschaften mit Kindern ist gut auf ein Viertel (26%) der "Familien" gegenüber 19% im April 1996.

Nach dem Statistischen Jahrbuch 2010 gab es Ende 2009 in Deutschland 11,9 Millionen Familien. 1996 waren es noch 13,1 Millionen. Hinter diesen Zahlen verbergen sich auch Eltern mit schon erwachsenen Kindern. Die Zahl der Familien mit Kindern unter 18 Jahren liegt bei 8,225 Millionen.

Hierbei gibt es keinen Hinweise auf traditionelle Familien oder einschließlich der alternativen Lebensgemeinschaften/Partnerschaften. Da die Größenordnungen in etwa stimmen, kann man sich selbst die "echten" Zahlen ausrechnen.

Stellen wir eine Beziehung zu den Banken her: Nach den Ergebnissen des Mikrozensus sind nur noch 16,5 Prozent der 81 Millionen Menschen in der Bundesrepublik jünger als 18 Jahre, berichtete die "Tagesschau.online" am 03.08.2011 16:24 Uhr. Das bedeutet, dass 67 Millionen 675 Tausend Bundesbürger über 18 Jahre alt sind. Man kann davon ausgehen, dass jeder von ihnen ein Bankkonto hat (sogar haben muss). Jede Bankfiliale hat mindestens 2 Spitzenmanager, die im Durchschnitt 100 Tausend Euro jährlich (einschließlich Bonuszahlungen) verdienen. Das macht bei 39 Tausend 842 Inlandszweigstellen insgesamt knapp 8 Milliarden Euro, die von den etwa 67 Millionen Bankkunden bezahlt werden müssen, d.h. erwirtschaftet  werden müssen. Also muss jeder Bankkunde im Durchschnitt etwas weniger als 118 Euro in der Bank lassen, also kaum 10 Euro im Monat. (Im Durchschnitt heißt: Diejenigen mit "starken Kontobewegungen" bezahlen sehr viel und ein Rentenbezieher, der mit 2 Tausend Euro auskommen muss, entsprechend weniger. Aber lassen wir es gut sein...)

Walter Rath, Oktober 2009